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Welche Schwierigkeiten treten bei Tremor und Ataxie bei MS- Patienten auf?

Marcus Koch, MD PhD, Universitair Medisch Centrum Groningen, Groningen, Holland

Einführung

Fast alle Personen mit MS entwickeln im Laufe ihrer Erkrankung Koordinationsprobleme unterschiedlicher Ausprägung. Während Schwäche und Spasmen die Bewegungsfähigkeit der Extremitäten direkt beeinträchtigen, wirken sich Ataxie und Tremor auch dann auf die Bewegung aus, wenn die Kraft normal ist.

Menschen mit Ataxie verlieren die Kontrolle über ihre Bewegungen. Es fällt unter Umständen auch schwer, eine Bewegung bewusst zu beginnen oder zu beenden. Während Ataxie alle Bewegungen eines Körpergliedes beeinträchtigt, fällt sie besonders bei spezifischen Bewegungen, wie Schreiben, Tippen, das Benutzen von Messern, die Arbeit mit der Computermaus oder dem Greifen nach kleineren Objekten auf.

Tremor ist eine rhythmische Zitterbewegung, die meist die Arme und Hände bei MS-Patienten befällt. Tremor in MS ist oft mit Ataxie verbunden und kann die Durchführung aller Aufgaben beeinflussen, die eine ruhige Hand voraussetzen.

Wie häufig kommen Tremor und Ataxie bei MS-Patienten vor?

Ataxie und Tremor sind häufig auftretende Symptome bei MS. Im Rahmen einer Studie fand man heraus, dass vier von fünf Personen mit MS irgendwann im Verlauf ihrer Erkrankung an Ataxie leiden. Eine andere Studie zeigt auf, dass etwa ein Drittel einer großen Gruppe von Personen mit MS teilweise so schwer an Ataxie und Tremor zu leiden hatte, dass diese ihre Funktionsfähigkeit nachhaltig beeinträchtigte.

Die häufigsten Formen des Tremors bei MS- Patienten sind der Tremor, der auftritt, wenn man einen Arm oder ein Bein gegen die Schwerkraft (Haltetremor) hält und der Tremor, der mit einer zielgerichteten Bewegung einher geht, wenn wir z. B. nach einem Objekt greifen (Intentionstremor). Der Intentionstremor an den Händen kann die Lebensqualität besonders beeinträchtigen, da die Zitterbewegungen stärker werden, je näher wir dem Objekt kommen (wenn man z. B. die Brille abnehmen oder nach einem Glas greifen möchte). Tremor tritt in etwa einem Viertel bis zu einer Hälfte aller Personen mit MS auf, zeigt jedoch nur bei etwa einem Zehntel wirklich starke Ausprägungen.

Welche Ursachen haben Ataxie und Tremor?

MS ist eine Erkrankung, die Schäden an verschiedenen Bereichen im Gehirn und im Rückenmark verursacht. Dieser Umstand macht es ausgesprochen schwierig, ein Symptom einem bestimmten geschädigten Bereich zuzuordnen und so die tatsächliche Ursache einzelner Symptome zu untersuchen. Man geht heute jedoch davon aus, dass Ataxie, Intentionstremor und Haltetremor alle auf eine Schädigung des Kleinhirns (siehe Bild gegenüber) und seinen Verbindungen zurückzuführen sind, vor allem, weil diese Symptome bei MS denen anderer Erkrankungen des Kleinhirns ähneln. Ein Teil dieser Erkenntnisse wurde in verschiedenen Studien gewonnen, bei denen man herausfand, dass die Beeinträchtigung durch Ataxie bei MS in enger Beziehung zum Grad der Beschädigung des Kleinhirns steht.

Normale, koordinierte Bewegung

Um eine koordinierte Bewegung mit einem Arm, Bein, den Händen oder den Füßen durchzuführen (wie zum Beispiel das Aufheben eines Stiftes oder das Fassen einer Tasse), müssen die Muskeln im jeweiligen Körperteil präzise miteinander koordiniert werden. Die Aktivierung von Muskeln mit entgegenwirkenden Aktionen muss präzise zeitlich abgepasst werden, damit sie sich nicht gegenseitig behindern. Diese präzise Steuerung wird durch ein Netzwerk von Nervenzellen im Kleinhirn und anderen Regionen des Nervensystems koordiniert, die Informationen über die Position des Körperteils und die Aktivierungsebenen der Muskeln verwenden, um einen Plan für eine angemessene Bewegung aufzustellen.

Das Kleinhirn ist bei diesem Netzwerk von entscheidender Bedeutung und vollbringt einen Großteil der tatsächlichen Verarbeitungsaufgaben. Einen Eindruck von der Schwierigkeit und der Komplexität dieser Aufgabe erhält man, wenn man sich bewusst macht, dass das Kleinhirn etwa die Hälfte aller Nervenzellen im Gehirn für sich beansprucht.

Das Kleinhirn:

  • erhält detaillierte Informationen über die dreidimensionale Position der Extremitäten und Gelenke und über die Aktivierung der Muskeln über das Rückenmark;
  • verarbeitet diese Informationen;
  • entwickelt einen Plan für den nächsten Bewegungsablauf, und
  • kommuniziert diesen Plan den Regionen des Gehirns, die für die Steuerung der Bewegung verantwortlich sind.

Eine vereinfachte Darstellung dieses Netzwerkes wird auf Bild 1 (oben) dargestellt. Jeder kleine Schritt einer ausgeführten Bewegung wird über diese Feedback-Schleife verarbeitet und sorgt so für einen insgesamt harmonischen Bewegungsablauf.

Was geht bei MS schief?

Das Netzwerk des Kleinhirns und seiner Verbindungen ist relativ weit gefasst und umfasst das Rückenmark, das Kleinhirn und weitere Regionen des Gehirns. Schäden an den einzelnen Komponenten dieses Netzwerkes können relativ einfach zustande kommen. So kann es vorkommen, dass sich demyelinisierende Plaque im Kleinhirn oder in einem der Verbindungswege des Kleinhirns zu anderen Komponenten des Netzwerks aufbaut. Solcherlei Schäden erschweren die Arbeit des gesamten Netzwerks und führen zu Koordinationsstörungen: Ataxie.

Intentionstremor wird eng mit Ataxie in Verbindung gebracht und entsteht ebenfalls durch Schädigungen desselben Systems. Die Ursache für Haltetremor in MS ist noch nicht gänzlich erforscht. Man geht aber davon aus, dass Schädigungen im Kleinhirn und seinen Verbindungen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entwicklung dieser Form des Tremors spielen.

Fazit

Ataxie und einige Formen des Tremors sind relativ häufige Probleme, die bei Personen mit MS auftreten. Ataxie und wahrscheinlich auch Tremor bei MS sind das Resultat einer Schädigung des Kleinhirns und seiner Verbindungen, die ein hochkomplexes Netzwerk von Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark bilden. Diese Symptome können die Patienten erheblich einschränken und stellen in der MS-Behandlung eine echte Herausforderung dar.