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Vielversprechende psychosoziale Behandlungen gegen Schmerzen bei MS

Dawn M Ehde, PhD, und Brenda Stoelb, PhD, Department of Rehabilitation Medicine, University of Washington School of Medicine, Seattle, Washington, USA

Bei manchen Menschen mit MS sorgen Medikamente für vollständige Schmerzfreiheit. Viele Schmerzpatienten werden jedoch durch pharmakologische Mittel nicht ausreichend von ihren Schmerzen befreit. Glücklicherweise sind Medikamente nicht die einzige Behandlungsmöglichkeit für Schmerzen bei MS. Eine Reihe nicht-pharmakologischer Methoden können genutzt werden, die sich bei anderen Personengruppen mit chronischen Schmerzen als wirksam herausgestellt haben.

Das biopsychosoziale Schmerzmodell

Das Erleben von Schmerzen ist sehr komplex und umfasst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Die aktuelle Meinung ist, dass chronische Schmerzen am besten aus biopsychosozialer Sicht zu verstehen sind, welche die Bedeutung der zugrundeliegenden biologischen Basis für die Schmerzen anerkennt (zum Beispiel Nervenschäden aufgrund von MS). Sie erkennt jedoch auch, dass psychosoziale Faktoren eine erhebliche Wirkung auf das Schmerzempfinden und dessen Auswirkungen auf das Leben haben können. Einige dieser Faktoren umfassen die emotionalen Reaktionen eines Menschen auf Schmerzen, und wie jemand über Schmerzen denkt oder damit umgeht. Das biopsychosoziale Modell hat zu Behandlungsmethoden geführt, die bei der Verringerung der Schmerzstärke und der negativen Auswirkungen von Schmerzen sehr wirksam sind.

Menschen, die unter Schmerzen leiden, machen sich manchmal Sorgen darüber, dass andere denken, ihre Schmerzen seien „nicht echt“, übertrieben oder ein Zeichen für eine Geisteskrankheit. Im Gegenteil, chronische Schmerzen sind eine ernsthafte Erkrankung, die nur „im Kopf“ vor sich geht, weil Schmerzsignale im Gehirn verarbeitet werden. Fortschritte in der Hirnforschung haben bestätigt, dass psychologische Faktoren wie die Gefühle einer Person oder Stress die physische Gesundheit beeinflussen können, darunter auch Schmerzen. Auch kann ein Leben mit MS und Schmerzen zu chronischem Stress führen. Das Gehirn (die Psyche) und der Körper beeinflussen sich gegenseitig auf eine Art und Weise, welche die Wissenschaft gerade erst zu verstehen beginnt.

Entspannungstraining

Schmerzen und andere Stressfaktoren führen oft zur natürlichen Reaktion einer wiederholten und verlängerten Anspannung der Muskeln, was die Schmerzen oft verschlimmert. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine der besten Möglichkeiten, den Verspannungseffekten von Schmerzen und Stress entgegenzuwirken, in der Ausübung verschiedener Arten der Entspannung besteht. Es gibt viele Methoden, um sich zu entspannen – zum Beispiel Tiefenatmung, ein Bad, Musik, Meditation oder Beten. Manche Entspannungsstrategien können ohne Anleitung versucht werden, wohingegen andere unter der Anleitung einer Fachperson erlernt werden müssen.

Die Fähigkeit zu entspannen ist bei jedem verschieden, so dass es vielleicht nötig ist, eine Anzahl an Entspannungstechniken auszuprobieren, um herauszufinden, was am besten funktioniert. Entspannungsübungen wirken manchmal auch am besten, wenn man sie mit anderen Bewältigungsstrategien kombiniert.

Die Tiefenatmung bildet die Grundlage für viele Entspannungstechniken, so dass es oft eine gute Idee ist, diese als erstes zu lernen. Normalerweise wird dies getan, während man liegt oder in einem bequemen Stuhl sitzt. Die grundlegende Methode besteht aus einem tiefen Einatmen durch die Nase, wobei der Bauch sich heben sollte, gefolgt durch eine kurze Pause und dann das Ausatmen durch den Mund. Um den Entspannungseffekt zu erhöhen, sagen sich manche Leute beim Ausatmen entspannende Worte vor, wie „entspannen“ oder „Ruhe“. Um den größtmöglichen Nutzen aus der Tiefenatmung zu erzielen, sollte man mehrere Male täglich mindestens fünf Minuten lang üben.

Selbsthypnose

In den letzten zehn Jahren veröffentlichte Forschungsergebnisse bestätigen die Vorteile der Selbsthypnose bei der besseren Bewältigung akuter und chronischer Schmerzen. Wie Entspannungsübungen bietet die Selbsthypnose eine Möglichkeit, die Kraft der Gedanken zu nutzen, um Schmerzen zu bewältigen, indem man das Schmerzerleben ändert. Dies kann man durch Ablenkung von den Schmerzen erreichen, durch die Konzentration auf angenehmere Empfindungen oder sogar dadurch, dass man Schmerzen als nachlassend oder verschwindend erlebt. Im Gegensatz zu dem Bild, das die Medien von Hypnose vermitteln, haben Menschen, die Selbsthypnose anwenden, stets die Kontrolle über sich. Selbsthypnose sollte bei einer Fachperson erlernt werden, die Erfahrungen mit ihrer Anwendung bei Schmerzen hat. Sie lässt sich oft in nur wenigen Sitzungen erlernen und sollte regelmäßig geübt werden, um die Wirkung aufrecht zu erhalten.

Genau wie Medikamente führt Selbsthypnose selten, wenn überhaupt, zu einer vollständigen Ausschaltung der Schmerzen, und sie hilft auch nicht jedem, der sich damit versucht. Es scheint jedoch eine Untergruppe von Menschen zu geben, einschließlich MS-Patienten, die über eine erhebliche Verringerung der Schmerzintensität nach einer Behandlung mit Selbsthypnose berichten, und die diese Verbesserung über längere Zeit aufrecht erhalten können. Darüber hinaus sind im Gegensatz zu einigen Medikamenten die „Nebenwirkungen“ der Selbsthypnose positiv. In einer Studie mit MS-Patienten wurden zum Beispiel über die Schmerzlinderung hinaus 40 verschiedene Vorteile der Selbsthypnose ermittelt, und keine negativen Nebenwirkungen wurden gemeldet.

Kognitive Verhaltenstherapie

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass die Gedanken einen großen Einfluss darauf haben, wie stark Schmerzen wahrgenommen werden, wie man mit Schmerzen umgeht und wie sich die Schmerzen auf das Leben und die Funktionen auswirken. Dinge, die Patienten tun, um mit ihren Schmerzen fertig zu werden, können hilfreich sein (zum Beispiel Entspannungstechniken) oder nutzlos (zum Beispiel exzessiver Alkoholkonsum zur Schmerzlinderung). Bei der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) wird den Leuten beigebracht, wie sie ihre schmerzbezogenen Gedanken und Verhaltensweisen so ändern können, dass ihre Schmerzen und das damit zusammenhängende Leiden gemildert wird. Bei der KVT lernen die Patienten, ihre Gedanken über den Schmerz zu überprüfen, zu bestimmen, ob diese Gedanken hilfreich oder nutzlos sind, und nutzlose Gedanken durch hilfreiche und beruhigende Gedanken zu ersetzen. Die KVT umfasst häufig auch das Lernen weiterer Methoden zur Schmerzbewältigung, wie zum Beispiel Entspannungstraining, Ablenkungsmethoden oder Aktivitätsplanung. Normalerweise erfolgt entweder eine Gruppen- oder Einzelbehandlung durch eine Fachperson mit Kenntnissen in der KVT, und am besten auch zum Thema Schmerz.

Weitere psychologische Interventionen

Auch weitere psychologische Behandlungen können bei der Bewältigung von Schmerzen und ihren Auswirkungen hilfreich sein, wie zum Beispiel Selbsthilfegruppen, Schmerzschulungen und Psychotherapie. Die Behandlung von Depressionen, falls vorhanden, wird empfohlen, wenn man bedenkt, dass Depressionen und Schmerzen einander oft beeinflussen. Körperliche Betätigung (zum Beispiel Laufen, Schwimmen oder Yoga) wirkt sich oft positiv aus, nicht nur auf den körperlichen Zustand einer Person sondern auch auf Schmerzen und Stress.

Wo finde ich Hilfe

Leider werden vielen MS-Patienten diese Behandlungen erst dann angeboten, wenn alle medizinischen Behandlungen versucht wurden und sich als unzureichend oder nicht durchführbar herausgestellt haben. Psychologische Interventionen sollten bereits frühzeitig, gleich nach Auftreten der Schmerzen, in Erwägung gezogen werden, zusammen mit weiteren geeigneten und effektiven Behandlungsmethoden wie Medikamenten oder Rehabilitation. Je früher diese Behandlungen angesetzt werden, desto eher schlagen sie an. Personen, die keine Spezialisten zur psychologischen Schmerzbehandlung in Reichweite haben, können Informationen über Bücher und Webseiten von ihrer örtlichen MS-Gesellschaft oder ihrer Krankenschwester oder Ärztin/Arzt erhalten.