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Einführung zum Thema Schmerzen und MS

Heidi Wynn Maloni, PhD, RN, Veterans Affairs Medical Center, MS Center of Excellence East, Washington, DC, USA

Schmerzen bei Multipler Sklerose? Schmerzen sind kein Symptom, das man im Allgemeinen mit MS in Zusammenhang bringt. Wenn jedoch die Ergebnisse weltweiter Forschungsstudien über MS darauf hindeuten, dass Schmerzen ein Hauptfaktor bei MS sind, so ist es wichtig, dass MS-Patienten und ihre Familien, Freunde, Pfleger, das Personal der MS-Gesellschaften und das medizinische Fachpersonal einen zweiten Blick auf die Schmerzsymptome und ihre Auswirkungen auf das Leben von MS-Patienten werfen. Solche Studien haben gezeigt, dass ungefähr zwei Drittel der MS-Patienten im Laufe ihrer Erkrankung unter Schmerzen leiden, dass Schmerzen ein frühzeitiges und aktuelles Symptom sein können, dass Schmerzen das lähmendste Symptom überhaupt sein und die Funktionen hemmen können, dass Schmerzen nicht ausreichend behandelt werden und dass Schmerzen mit Depressionen, Ängsten und Müdigkeit im Zusammenhang stehen.

Schmerzen bei MS – ist das wirklich neu?

In der Tat wusste man bereits im 19. Jahrhundert über das Vorkommen von Schmerzen im Zusammenhang mit der Diagnose MS Bescheid, als Jean Martin Charcot Schmerzen bei Patienten mit einer neurologischen Erkrankung in Zusammenhang brachte, die er „insulare Sklerose“ nannte. 1853 bemerkte der französische Neurologe Trousseau, dass Schmerzen epilepsieartige Eigenschaften aufwiesen, woraufhin die Wissenschaftler krampflösende Mittel zur Schmerzbehandlung verwendeten, die auch als

Antiepileptika bekannt sind. In den 1940ern wurde Phenytoin verwendet, um schmerzhafte tonische Krämpfe zu behandeln, und in den 1960ern entstanden mehrere Fallstudien und einzelne Berichte über Schmerzen bei MS. Krampflösende Mittel waren zu dieser Zeit immer noch die am meisten verwendete Behandlungsart. Erst in den 1980ern wurden die Häufigkeit, Verbreitung und die Merkmale von MS-Schmerzen durch Ergebnisse aus populationsbasierten Studien beschrieben, die in Nordamerika und Europa durchgeführt wurden. Die Verknüpfung von Schmerzen mit anderen Symptomen sowie die psychosozialen Folgen wurden in neueren Studien weiter untersucht. Diese Studien belegten, dass Schmerzen bei MS häufig vorkommen, und schlugen Möglichkeiten zur Bewältigung des Symptoms vor.

Warum entstehen Schmerzen bei MS??

Der Schmerz ist ein sensorisches Symptom, das im direkten Zusammenhang mit zwei Ereignissen steht – der Unterbrechung der Markscheide im Zentralnervensystem und den Auswirkungen der Behinderung. Die Markscheide beschleunigt die Nervenleitung, unterstützt eine gleichmäßige Motorik, die Integration und Interpretation sensorischer Stimuli sowie eine mühelose Wahrnehmung. Wenn die Schmerzen infolge einer Unterbrechung oder Veränderung der Nervenleitung entstehen, werden sie neurogen genannt, d. h. sie haben ihren Ursprung oder ihre Basis im Zentralnervensystem. In der Literatur wird manchmal auch der Begriff „neuropathisch“ verwendet. Es gibt derzeit noch keine Einigung darüber, welcher Begriff richtiger ist.

Nozizeptive Schmerzen entstehen, wenn Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) im Knochen, Muskel oder Körper auf Gewebeschäden reagieren, die aufgrund der Behinderung entstehen können. Dies kann neben muskuloskeletalen Veränderungen bei MS auftreten, zum Beispiel aufgrund von Schwäche oder einer falschen Haltung. Wenn eine Person anders als normal geht, so kann dies die Gelenke belasten, die dann auch schmerzen. Eine der Nebenwirkungen von Steroiden ist Knochenschwund, dies ist jedoch bei MS normalerweise kein Problem, da Steroide meist nur über kurze Zeit verwendet werden. Immobilität kann zu einer Verringerung der Knochendichte führen, diese ist aber normalerweise nicht schmerzhaft, es sei denn, sie führt zu einer Fraktur. Nozizeptive Schmerzen können auch auftreten, wenn es zu Hautverletzungen kommt oder wenn die Haut über längere Zeit ohne Bewegung Gewicht tragen soll.

Wie stellen sich neurogene Schmerzen bei MS dar?

Neurogene Schmerzen werden als dauerhaft und konstant oder als spontan und stoßweise und in verschiedenen Schweregraden beschrieben. Eine große nordamerikanische Studie fand heraus, dass die Hälfte der Personen, die über Schmerzen berichteten, sagten, ihre Schmerzen seien dauerhaft und stark. Stoßweise, spontane Schmerzen werden als einschießend, stechend, elektroschockartig oder sengend beschrieben und werden oft durch einen Auslöser hervorgerufen, der normalerweise keine Schmerzen verursacht; zum Beispiel können Berührungen, das Gewicht der Bettdecke, Kauen oder ein kalter Windzug spontane neurogene Schmerzen verursachen.

Als konstant beschriebene neurogene Schmerzen werden durch brennende, kribbelnde Empfindungen, ein Enge- oder Einschnürungsgefühl, Ziehen und Pochen verkörpert. Konstante neurogene Schmerzen werden nachts, bei Temperaturwechsel und durch körperliche Betätigung oft verschlimmert.

Wie können Schmerzen bei MS behandelt werden?

Der Schmerz ist ein individuelles Symptom, das nur von der Person beschrieben werden kann, die ihn erleidet. Bestimmte veränderte tägliche Aufgaben wie Schlaf,

Stimmung und die Fähigkeit, zu arbeiten, zu spielen und das Leben zu genießen, geben Hinweise auf die Wirkung von Schmerzen auf das Leben derer, die darunter leiden.

Die Einschätzung der Art und der Ursache für die Schmerzen ist für eine geeignete Schmerztherapie wichtig. Die Schmerzbehandlung wird durch Medikamente, Verhaltensänderungen, physische Mittel und in manchen Fällen chirurgisch in Angriff genommen. Schmerzen sind komplex und erfordern oft einen interdisziplinären Ansatz und die Fertigkeiten von Schmerztherapeuten.

Medikamente

Wenn die Ursache neurogener Art ist, so werden Medikamente verschrieben, die die exzitatorischen Neurotransmitter dämpfen und die inhibierenden Transmitter anregen. Für die Behandlung von Schmerzen bei MS verwendete Medikamente sind zum Beispiel Antidepressiva und Opioide, da ein Anstieg der Neurotransmitter die Schmerzen minimiert. Schmerzen bei MS werden mit Hilfe krampflösender Mittel (siehe Seite 7) und antiarrhythmischer Mitteln gedämpft, da diese Nervenüberreizungen beruhigen.

Schmerzhafte tonische Spasmen oder Spastizität werden bei MS als sekundäre Schmerzursache angesehen – Schmerzen aufgrund eines Symptoms und nicht neurogener Art. Wenn die Schmerzursache mit Invalidität zusammenhängt, das heißt Muskel- oder Skelettschmerzen, Schmerzen aufgrund von Infektionen oder Hautgeschwüren, dann wird sie je nach Ursache mit Hilfe herkömmlicher Analgetika, Antispasmodika oder Antibiotika behandelt. Die Anwendung von Medikamenten zur Schmerzbehandlung bei MS ist stets ein Gleichgewicht zwischen Risiko im Vergleich zum Nutzen. Mit anderen Worten werden die Nebenwirkungen der Medikamente in Bezug auf ihre Wirkung auf die Lebensqualität einer Person geprüft und ständig bewertet.

Verhalten

Verhaltensmechanismen zur Schmerzbewältigung umfassen zum Beispiel Entspannungsübungen, Meditation, bildliche Vorstellung, Hypnose, Ablenkung und Biofeedback. Die Beteiligung an einer Arbeit oder an sozialen Aktivitäten, der Beitritt einer Selbsthilfegruppe oder sogar das Lachen sind bewährte Mechanismen zur Minimierung von Schmerzen. Von MS-Patienten, die arbeitslos oder ans Haus gefesselt sind, wird eine höhere Schmerzintensität berichtet.

Physische Faktoren

Physische Mittel, die Schmerzen minimieren, sind zum Beispiel die Anwendung von Wärme, Kälte oder Druck, physikalische Therapie, Sport, Massage, Akupunktur, Yoga, Tai-Chi und Transkutane Nervenstimulation (TENS, siehe Foto unten). Diese Techniken und Therapien werden oft übersehen, sollten jedoch gleich nach Ausbruch der Schmerzsymptome in Erwägung gezogen werden.

Chirurgie

Chirurgische Eingriffe zur Schmerzbehandlung kommen zum Einsatz, wenn medikamentöse, physische und Verhaltensoptionen nicht helfen. Verfahren wie regionale Nervenblockaden sind reversibel und sicher. Neurochirurgische Möglichkeiten, Rhizotomie, Kordotomie und Gamma-Messer-Radiochirurgie bieten bekanntermaßen Erleichterung, sind aber mit Risiken verbunden.

Zusammenfassung

Heutzutage werden Schmerzen als häufig vorkommendes Symptom bei MS anerkannt, das direkt mit der Krankheit und ihren Folgen im Zusammenhang steht. Die Bewältigung der Symptome basiert auf den Mechanismen der erlittenen Schmerzen. Die Richtung und der Brennpunkt kontinuierlicher Forschung richtet sich auf ein besseres Verständnis der Schmerzmechanismen bei MS und auf ihre effektive Behandlung. Die folgenden Artikel geben weitere Einblicke in die Erfahrungen und Bewältigung von Schmerzen bei MS.

Die häufigsten Schmerzsyndrome,unter denen MS-Patienten leiden, sind:

  • Kopfschmerzen (kommt bei MS häufiger vor als in der allgemeinen Bevölkerung)
  • dauerhafte brennende Schmerzen in den Extremitäten
  • Rückenschmerzen schmerzhafte tonische Spasmen (ein krampfender, ziehender Schmerz)