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Cannabis als schmerzstillendes Mittel bei MS: echt oder eingebildet?

Claude Vaney, MD, Medizinischer Direktor des Zentrums für neurologische Rehabilitation und MS, Montana, Schweiz

Marihuana, eine verbotene aber beliebte „Medizin“

Es wird geschätzt, dass 15 Prozent aller MS-Patienten regelmäßig die Droge Hanf (Cannabis oder Marihuana) verwenden. Obwohl Cannabis den Krankheitsverlauf von MS nicht ändert, glauben viele Menschen, dass die Droge ihre Symptome wie Stress, Schlafstörungen, Muskelspasmen und Schmerz effektiver lindert als herkömmliche Medikamente, und sind auch bereit, für diese Ansicht gegen das Gesetz zu verstoßen. Bedeutet diese relative große Häufigkeit von Cannabiskonsum bei Personen mit MS, dass diese „die wertvollste Medizin, die wir besitzen“ gefunden haben, wie Dr. J. Russell Reynolds, der berühmte Arzt des 19. Jahrhunderts es ausdrückte? Oder handelt es sich bei ihnen um gefährdete Leute, die Opfer einer Falschmeldung sind?

Verbannung eines alten Schmerzstillers

Cannabis ist seit mehr als 4.000 Jahren als schmerzstillendes Mittel bekannt und gehört zur Gruppe der pflanzlichen Drogen, die wie Koka und Opium auch heute noch verwendet werden. Die Pflanze wurde 1842 aus Indien in die europäische Medizin eingeführt, um Schmerzen, Muskelspasmen, Krämpfe bei Wundstarrkrampf, Rheumatismus und Epilepsie zu lindern, und wurde medizinisch als Tinctura Cannabis bis ins 20. Jahrhundert hinein verwendet. Aufgrund von Problemen bei der Qualitätskontrolle und politischem Druck in einer Welt zunehmenden Drogenmissbrauchs wurde Cannabis jedoch 1961 aus den modernen westlichen Arzneibüchern verbannt, als das Einheitsübereinkommen der Vereinten Nationen über Suchtstoffe beschloss, dass Cannabis keine medizinische oder wissenschaftliche Wirkung besitzt. Kein Wunder – niemand wusste zu dieser Zeit, dass der menschliche Körper sein eigenes Endocannabinoid-System mit schmerzstillenden Eigenschaften besitzt!

Wie funktioniert dieses Endocannabinoid-System?

Tetrahydrocannabinol (THC) ist größtenteils für die psychopharmakologischen Eigenschaften und die physischen Wirkungen von Cannabis verantwortlich. Nach der Entdeckung von Anandamid, einem humanen Cannabinoid- Rezeptor (CB1), nahm das Interesse an einer therapeutischen Verwendung von Cannabinoiden zu. Anandamid, das natürlicherweise vor allem im Gehirn vorkommt, ist ein Neurotransmitter, der auf dieselben Gehirnstrukturen wie THC, die aktive Substanz in Cannabis, abzielt. Neurotransmitter sind die chemischen Botenstoffe des Gehirns, die elektrische Signale zwischen den Nervenzellen transportieren. Diese Signale führen zu Veränderungen bei den Gefühlen und Emotionen, die wir haben. Zusätzlich dazu finden sich CB1-Rezeptoren auch auf den Schmerzbahnen im Gehirn und im Rückenmark, und ebenfalls außerhalb des zentralen Nervensystems, und es wird vermutet, dass sie an einer cannabinoidbedingten Analgesie (wahrgenommenen Schmerzlinderung) beteiligt sind. Die genaue Art, wie Cannabinoide an diesen Stellen eine schmerzstillende Wirkung erzielen, ist jedoch weiterhin unklar.

Cannabisstudien

Nach einer kürzlich erfolgten Untersuchung erhielt Sativex®, ein Cannabisextrakt, das in den Mund gesprüht wird (siehe Foto unten) und gleiche Mengen an THC und Cannabidiol (ein weiteres Cannabinoid der Hanfpflanze) enthält, 2005 in Kanada die Zulassung für die symptomatische Linderung neurogener Schmerzen bei MS. In der Untersuchung erhielten 66 MS-Patienten mit schmerzhaften Spasmen oder dysästhetischen Schmerzen (unangenehme Gefühle wie Hautprickeln, brennende Schmerzen, Taubheitsgefühl oder Engegefühl) entweder ein Medikament auf Cannabisbasis oder ein Placebo in Form eines Mundsprays. Schmerzen und Schlafstörungen wurden mit Hilfe einer Visuellen Analogskala aufgezeichnet. Die Behandlungsgruppe meldete eine Verringerung von 2,4 auf einer Schmerzskala mit 11 Punkten (0-10), während die Placebogruppe eine Verringerung von 1,4 Punkten meldete. Die Teilnehmer berichteten darüber hinaus über ähnliche Schlafverbesserungen (Rog DJ et al., Neurology 2005).

Die schmerzstillenden Eigenschaften von THC wurden auch in einer dänischen Studie 2004 untersucht, bei der 24 Teilnehmer mit MS, die THC erhalten hatten, über eine gestiegene Lebensqualität berichteten und eine Verringerung ihrer Schmerzen empfanden (Svendsen KB, BMJ 2004). Die Teilnehmer der großen CAMS-Studie in Großbritannien, die Cannabiskapseln einnahmen, meldeten eine Verbesserung bei Spastizität und Schlaf und darüber hinaus auch bei ihren Schmerzen. Und schließlich kam eine kürzlich veröffentlichte kanadische Meta-Analyse cannabisbasierter Behandlungsformen bei neurogenen und MS-bedingten Schmerzen mit 298 Patienten zu dem Schluss, dass Cannabinoide bei der Behandlung neurogener Schmerzen bei MS wirksam seien. Dieser Überblick basierte jedoch nur auf einer geringen Anzahl an Studien und Untersuchungsteilnehmern (Iskedijan M, Curr Med Res Opin 2007).

In Zukunft – die Schranke psychoaktiver Nebenwirkungen überwinden

Neben den positiven Wirkungen auf die Schmerzsymptome, die in diesen unterschiedlichen Studien gemeldet wurden, wurde auch festgestellt, dass der Gebrauch von Cannabis besonders bei höherer Dosis Nebenwirkungen hat, wie zum Beispiel Schwäche, trockener Mund, Schwindel, geistige Trübung, kurzzeitige Beeinträchtigung des Gedächtnisses und räumlich-zeitliche Verzerrungen. Diese Nebenwirkungen könnten die hohen Ausstiegsraten in manchen Studien erklären. Kürzlich erfolgte Forschungsstudien legen ebenfalls nahe, dass ein übermäßiger Gebrauch von Cannabis zu Entspannungszwecken bei jungen Leuten zu psychischen Problemen führen kann. Und schließlich wurde auch der Doppelblindcharakter dieser Studien in Frage gestellt, da Cannabis psychoaktiv ist und den Leuten häufig ein Gefühl des „Highseins“ vermittelt. Das bedeutet, dass Personen, die den aktiven Wirkstoff im Laufe einer klinischen Studie zu sich nehmen, dessen normalerweise gewahr werden und die Studie daher „entblinden“ und möglicherweise die Ergebnisse verzerren. Dieser besondere Aspekt hat dazu geführt, dass manche Leute der Ansicht sind, dass die Wirkungen nur eingebildet sind. Manche Ärzte sind jedoch der Meinung, dass Cannabinoide für Menschen, die den Wirkstoff vertragen, eine wertvolle Alternative darstellen, wenn ihr Schmerz auf andere Wirkstoffe nicht anspricht.

In Zukunft sollte das Ziel der Entwicklung neuer Therapien mit Fokus auf den CB1-Rezeptor das Risiko-Nutzen- Verhältnis der Behandlung abwägen, da die aktuelle Beziehung zwischen Symptomlinderung und dem psychoaktiven Charakter von Cannabis noch nicht ausgewogen ist. Cannabis stellt immer noch eine kontroverse Behandlungsmethode bei MS dar und ist in vielen Ländern weiterhin illegal.