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Eine Einführung in die Rehabilitation

Von George H. Kraft, MD, MS, Universität von Washington, Seattle, USA

Wenn ich über meine Multiple-Sklerose- (MS-) Praxis nachdenke, bin ich erstaunt, dass die Menschen, die an MS leiden, niemals anfragen, dass ihnen geholfen wird, ihre T-Zellen daran zu hindern, das Myelin ihres zentralen Nervensystems anzugreifen. Vielmehr konsultieren sie Hilfe, damit ihre Funktionen verbessert werden. Oft wollen sie Unterstützung beim Gehen oder bei Bewegungen. Häufig fragen sie, ob man irgend etwas tun kann, um ihnen zu helfen, damit es ihnen leichter fällt, sich an Dinge zu erinnern, sich weniger erschöpft oder niedergeschlagen fühlen. Wenn sie danach gefragt werden, möchten sie oft Hilfe im Zusammenhang mit ihrer Blasenfunktion, auch wenn sie zunächst nicht von sich aus darum bitten.

Menschen, die an MS leiden, wünschen sich also eine rehabilitative Behandlung. Sie möchten natürlich auch Medikamente, die Verschlimmerungen mindern und das Fortschreiten ihrer Erkrankung verhindern. Aber die Verbesserung der Funktionen ist ihr Hauptanliegen.

Doch die Rehabilitation findet nur langsam ihren Platz in der Behandlung von MS. Auch wenn die Rehabilitation nun ein Schwerpunkt einiger Organisationen wie Rehabilitation In Multiple Sclerosis (RIMS, Rehabilitation bei multipler Sklerose) in Europa und dem Consortium of Multiple Sclerosis Centers (CMSC, Vereinigung der Multiple-Sklerose-Zentren) in den USA ist, so ist doch dieses internationale Bestreben erst knapp über 15 Jahre alt. Einer der Hauptgründe für die späte Anwendung von rehabilitativer Behandlung bei MS besteht darin, dass der Begründer des Bereichs der Rehabilitationsmedizin gelehrt haben soll, dass die Rehabilitation für Menschen mit MS nur Zeit- und Geldverschwendung sei; die Beeinträchtigung der Menschen mit MS schreite fort und alle Anstrengungen seien umsonst. Diese Anstrengungen sollten für „statischere” Behinderungen wie eine Verletzung des Rückenmarks und Amputationen aufgewandt werden.

Vor der Gründung von RIMS und CMSC gab es einige wenige wegbereitende, umfassende MS-Zentren in den USA. Die Nationale MS-Gesellschaft (NMSS) spielte hier eine wichtige Rolle und trat im Jahr 1977 an die Universität von Washington mit der Bitte heran, ein umfassendes MS-Zentrum in Seattle zu errichten. Weitere wegbereitende umfassende Zentren bestanden zu dieser Zeit auch in New York, Minneapolis, Denver und der Schweiz.

Die umfassende Behandlung von Menschen mit MS wurde im Lauf der Jahre ständig weiterentwickelt. Zuerst, etwa zur Zeit der Gründung des Zentrums in Washington, bestand die umfassende Behandlung von MS in der Verbesserung der Gehfähigkeit (unter Verwendung von Stöcken, Stützen oder Rollstühlen) und möglicherweise der Blasen- und Darmfunktion. Dies war das Konzept der „umfassenden“ MS-Behandlung in den 1970er Jahren, dem als Phase I bezeichneten Zeitraum.

Die Phase II erfolgte in den 1980er und 1990er Jahren, in der sich eine höhere Wertschätzung der vielen anderen Aspekte entwickelte, durch die MS-Patienten beeinträchtigt werden. Während dieser Phase begann die umfassende Behandlung von MS, auch die Sorge unter anderem um die Kontrolle der Erschöpfung, der Depressionen, der kognitiven und beruflichen Beeinträchtigungen zu umfassen. Der Anerkennung der Defizite in diesen und anderen Bereichen folgten sensiblere Mittel zu deren Bewertung und verbesserte Ansätze zu deren Kontrolle. Die Rehabilitation der Menschen mit MS hat einen weiten Weg hinter sich.

Ich behaupte jedoch, dass wir nun in eine dritte Phase eintreten: die Phase III der umfassenden Behandlung von MS. Da wir durch die Verwendung qualitativer Fragetechniken mehr über die inneren Funktionen der Denkprozesse von Menschen mit MS und durch Studien der funktionellen Kernspintomographie (fMRI) mehr über die ausgleichenden Hirnfunktionen erfahren, wird uns die besondere Anstrengung bewusst, die Menschen mit MS aufbringen, um ihren Alltag zu bewältigen, und wir erkennen die Rolle der Plastizität des Gehirns dabei, um dies überhaupt erst möglich zu machen. Zuvor getrennte Bereiche der Gehirnaktivität werden diffuser im Raum verteilt – eine Notwendigkeit, da MS-Läsionen alte Nervenleitbahnen zerstören. Dies mag der Grund für die Schwierigkeiten bei der gleichzeitigen Durchführung mehrerer Tätigkeiten im Krankheitsverlauf sein. Folglich befürchten wir nun, dass das getrennte Prüfen verschiedener Aspekte – ob im motorischen oder kognitiven Bereich – vielleicht gar keine wirklich präzise und realitätsbezogene Beurteilung ermöglicht, in der ein bestimmter Grad des Multi-Taskings eine Voraussetzung für Erfolg ist. Ich glaube, dass wir mit unserem Verständnis dieser Zusammenhänge erst an der Oberfläche kratzen. Diese Ausgabe von MS in focus behandelt die Rehabilitation von Menschen mit MS. Die klassischen Felder der Physiotherapie und der Beschäftigungstherapie werden besprochen, sowie Sprech- und Schlucktherapie und die Beratung. Ich freue mich auch, dass die berufliche Rehabilitation behandelt wird, da dieser Bereich oft übersehen wird, hier aber häufig zuerst Probleme auftreten, da der Patient Schwierigkeiten hat, mehrere Aufgaben gleichzeitig auszuführen. Es ist seit Jahren bekannt, dass die Beschäftigungszahlen bei Menschen mit MS niedriger sind, als man erwarten würde. Es kann sein, dass im Berufsleben alle Defizite zusammentreffen. Daher wäre vielleicht ein Maßstab für die berufliche Leistung ein besserer einzelner Indikator für die Schwere der multiplen Sklerose als die weit verbreitete Expanded Disability Status Scale (EDSS, Skala für die Schwere der Behinderung).

Rehabilitation ist es, was sich die Menschen mit MS wünschen. Diese Ausgabe bietet dazu übersichtlich aktuelle Informationen.