Vitamin D und MS

Jodie Burton, Assistant Clinical Professor, Department of Clinical Neurosciences, University of Calgary, Alberta, Kanada

Seit Jahrzehnten ist ein konsistentes, geographisches Muster der MS bekannt. Dabei kommt es, je größer die Entfernung der Länder zum Äquator ist, zu einem höheren Auftreten und Risiko der Erkrankung. Es ist erwiesen, dass Sonnenlicht und UV-Strahlung mit dem Risiko an MS zu erkranken bzw. der Häufigkeit des Auftretens von MS korrelieren, was die Beziehung von Breitengrad und MS erklären kann. Der Vitamin D-Marker im Blut, das 25-Hydroxyvitamin D (25(OH) D), ist ein direktes Ergebnis der Sonnen-/UV- Einstrahlung auf die Haut (der wichtigsten Quelle für dieses Vitamin) und umgekehrt proportional mit dem MS-Risiko und dem Auftreten der Krankheit verbunden.

MS-Patienten weisen einen relativ niedrigen Serumspiegel an 25(OH)D auf. Obwohl nicht nur das Vermeiden von Sonne, sondern auch die Einnahme von Kortisonpräparaten und andere Verhaltensweisen zu diesbezüglichen Risikofaktoren zählen, ist die Beziehung zwischen UV-Einwirkung und einem verminderten MS-Risiko als sehr hoch zu bewerten, höher beispielsweise als die Verbindung zwischen UV- Einwirkung und dem erhöhten Risiko der Bildung eines Melanoms. Man hat ferner herausgefunden, dass eine intensive Sonneneinwirkung in der Kindheit zu einem verminderten Risiko führt, später an MS zu erkranken.

In Tierversuchen zur Verabreichung von Vitamin D und Kalzium bei MS wurde erwiesen, dass Tiere, die vor der Auslösung einer MS-ähnlichen Erkrankung mit Vitamin D und Kalzium behandelt wurden, keinerlei Symptome der Erkrankung zeigten. Selbst wenn diese Behandlung erst nach der Krankheitsinduktion eingesetzt wurde, hatte auch das noch positive Auswirkungen auf das Tier. In Laborstudien wurde gezeigt, dass Vitamin D die Blutmarker der Entzündungen reduziert, die mit MS in Verbindung gebracht werden.

Es scheint eindeutig, dass viele Menschen, die in Ländern leben, die weiter entfernt vom Äquator liegen, einen relativ niedrigen 25(OH)D-Spiegel aufweisen. Es wurden inzwischen umfangreiche Untersuchungen darüber angestellt, welche Dosis von Vitamin D als optimal anzusehen ist und wie hoch der Gehalt von Vitamin D im Blut sein muss, um die Gesundheit zu erhalten und sogar vor Erkrankungen wie MS zu schützen.

Die ersten Studien lassen schon eine enge Verbindung zwischen Vitamin D, MS-Risiko und MS-Aktivität vermuten.

Die aktuellen Empfehlungen einer Vitamin D-Einnahme sprechen von 200 – 400 internationalen Einheiten pro Tag (engl. IU/d) für die allgemeine Bevölkerung, obwohl sie sich hauptsächlich auf die Vorbeugung

von Rachitis (einer Kinderkrankheit, die auf Vitamin D- oder Kalziummangel zurückzuführen ist) bezog. Diese Dosierung würde zu keinen messbaren Veränderungen in den 25(OH)D-Werten des Blutes führen. Neuere Studien sprechen davon, dass die Menschen mindestens 4.000 IU/d benötigten, um einen 25(OH) D-Wert von etwa 100 Nanomol pro Liter (nmol/L) zu erzielen, einen Wert, der einer groß angelegten Studie mit mehr als 7.000.000 Teilnehmern in den Vereinigten Staaten zufolge das Risiko, an MS zu erkranken, mildern soll.

In Bezug auf MS wurde in einigen kleineren Beobachtungsstudien aufgezeigt, dass es in den Wintermonaten häufiger zu Schüben kommt, was auch für neue, größere Läsionen auf dem MRT gilt. Dafür wird eine fehlende UV-Einwirkung (vor allem Vitamin D) verantwortlich gemacht.

Noch aktueller ist eine große, kontrollierte Studie bei Kindern mit ersten demyelinisierenden Symptomen, die gezeigt hat, dass Kinder mit einem niedrigeren Vitamin D-Gehalt im Blut eher eine definitive MS ausbildeten als jene mit einem höheren Vitamin D-Gehalt.

Die Frage bleibt aber, welche Dosierung von Vitamin D und welcher 25(OH)D-Gehalt im Blut entweder die Entwicklung von MS verhindern oder sich positiv auf bereits erkrankte Personen auswirken kann.

Trotz der Beweise, dass Vitamin D, MS-Risiko und Immunaktivität eng miteinander verbunden sind, ist noch nicht klar, welche Dosis tatsächlich sinnvoll ist. Darüber hinaus unterscheiden sich die wissenschaftlich erwiesene und die letztendlich empfohlene Dosierung basierend auf der Zielsetzung (MS-Vorbeugung oder Behandlung im Gegensatz zu einer Gesunderhaltung des Knochenapparates).

Trotz verständlicher Bedenken in Bezug darauf, dass eine erhöhte Dosierung von Vitamin D zu Nebenwirkungen führen kann, scheint ein Serum 25(OH)D-Gehalt, der durch die Sonneneinstrahlung erworben wurde und zu 220 nmol/L führt, keinerlei Nebenwirkungen aufzuweisen. Auch Fallstudien und Testreihen, bei denen mehrere Monate lang zwischen 10.000 und 40.000 IU/d eingenommen wurden, haben keinerlei Nebenwirkungen aufgezeichnet. Zu den Nebenwirkungen bei einer Überdosierung von Vitamin D zählen ein eventuell erhöhter Kalziumgehalt im Blut, der zu Symptomen wie Erschöpfung und Herzrhythmusstörungen, Lähmungen und Koma führen kann.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die mögliche Rolle von Sonnen-/UV-Licht und Vitamin D bereits gut ein halbes Jahrhundert lang erforscht werden. Die ersten Studien und Testreihen weisen bereits auf eine enge Beziehung zwischen Vitamin D, MS-Risiko und MS-Aktivität hin. Falls wir letztendlich eine ideale Dosierung und entsprechend gewünschte Blutwerte festlegen können, die MS verbessert oder ihr sogar vorbeugt, dann könnte es sich dabei um eine günstige orale Behandlungsmethode für Menschen mit MS und Risikogruppen handeln.