Niedrig dosiertes Naltrexon und MS

Maira Gironi MD, PhD, Don Carlo Gnocchi Foundation und San Raffaele Krankenhaus, Mailand, Analysis und Diagnostic Centre in Monza, Italien

Naltrexon, ein Opioidantagonist, führt zu einer künstlichen Blockade der Endorphin-/ Opiat-Rezeptoren im Gehirn. Drogensüchtige werden mit einer ‘normalen’ Dosis von 50 – 100 Milligramm (mg) pro Tag behandelt. Dabei wird die Blockade kontinuierlich aufrecht erhalten und unterbindet somit alle positiven Gefühle, die bei der Einnahme von Drogen wie Heroin oder Alkohol auftreten könnten.

„Niedrig dosiertes Naltrexon” (LDN – low dose naltrexone) bezieht sich auf einen Bruchteil der Einnahme der üblichen Dosis. Es wird vermutet, dass LDN (~3mg bis 5mg) die Endorphin- Rezeptoren nur ein paar Stunden blockiert.

Die Theorie dahinter ist, dass die Endorphine während dieses Zeitraums unfähig sind, sich mit den Rezeptoren zu verbinden und der Körper infolgedessen mehr Endorphine produziert. Sobald das LDN metabolisiert wurde, kehrt die Menge der Endorphine im Körper auf ein Niveau zurück, das mit dem einer gesunden Person vergleichbar ist. Die Verbindung zwischen Endorphinen und der Regulierung des Immunsystems ist nicht vollständig klar.

In Bezug auf die Linderung von Symptomen wird angenommen, dass Endorphine Entzündungen abmildern und die unangenehmen Empfindungen von Fatigue, Schmerzen und Depressionen reduzieren. Es kann also gut sein, dass LDN potenzielle Auswirkungen auf einige der Symptome der Erkrankung hat.

LDN und MS

In der MS-Gemeinschaft wird viel über die Behandlung mit LDN diskutiert. Vieles davon ist verwirrend und widersprüchlich. Auf der einen Seite gibt es weit verbreitete anekdotische Berichte, die davon berichten, dass LDN in der Behandlung von MS-Symptomen wirksam ist und den Krankheitsverlauf an sich verzögert. Darüber hinaus gibt es auch Berichte, dass LDN eine effektive Behandlungsmethode für Immunerkrankungen wie z. B. Morbus Crohn, Lupus, Arthritis und Fibromyalgie darstellt.

Studien zu LDN bei MS

Eine Studie an Mäusen mit EAE, der tierischen Version von MS, hat ergeben, dass LDN Entzündungen im Nervensystem verringert, die Schwere der Erkrankung mildert und die Aktivierung von Immunzellen abschwächt. An einer weiteren Studie nahmen 80 Personen mit schubförmig remittierender und progredienter MS teil. Obwohl LDN in dieser Studie die physikalischen Funktionen nicht zu verbessern schien, kam es doch zu entscheidenden Verbesserungen (statistisch signifikant) einiger Aspekte der Lebensqualität, wie der psychischen Verfassung, Schmerzen und der kognitiven Funktionen.

An einer dritten Studie nahmen 40 Personen mit primär progredienter MS teil, die sechsMonate lang in einer Studie der Phase II mit LDN behandelt wurden. Studien der Phase II untersuchen die Sicherheit und Verträglichkeit eines Arzneimittels. Den Probanden wurden 4mg LDN pro Tag verabreicht. Obwohl die Studie nicht speziell darauf ausgerichtet war, die Wirksamkeit zu beweisen, wurde doch eine signifikante Auswirkung auf Spastizität beschrieben. Etwa ein Drittel der Probanden berichtete von einer Verschlimmerung der Schmerzen. Die neurologischen Behinderungen verschlimmerten sich nur bei einem der Teilnehmer.

Die Studie zeigte einen Anstieg der Beta- Endorphine, dem wichtigsten endogenen Opiat, das sich in den Neuronen des zentralen Nervensystems und in den peripheren Zellen des Immunsystems befindet. Die Zunahme der Beta-Endorphine konnte drei Monate nach Aufnahme der Behandlung beobachtet werden und war noch einen Monat nach der letzten Verabreichung nachweisbar.

Derzeit wird LDN „off label” (einer Bezeichnung der US-Gesundheitsbehörde für Medikamente, die es dem behandelnden Arzt erlaubt, das Medikament für eine Erkrankung zu verordnen, die nicht unter die ausdrücklich indizierten fällt, Anm. d. ÜS.) verschrieben, da es bisher noch nicht offiziell für die Verabreichung bei

In der MS-Gemeinschaft wird viel über die Behandlung mit LDN diskutiert. Vieles davon ist verwirrend und/oder widersprüchlich.

MS zugelassen wurde. Die entscheidenden Sicherheitsdaten zur LDN-Anwendung bei MS stehen derzeit noch nicht zur Verfügung. Wir wissen jedoch, dass aufgrund der niedrigen Dosierung nur sehr selten Nebenwirkungen auftreten. Einige Testpersonen haben berichtet, dass es bei ihnen zu Beginn der Behandlung zu äußerst lebhaften Träumen kam. LDN kann mit geringen Abweichungen der Cholesterinwerte, des Blutbildes und der Leberfunktion in Verbindung gebracht werden. Bei einigen Personen kann es zu Reizbarkeit führen. LDN sollte auf keinen Fall zusammen mit anderen auf Opiaten basierenden Medikamenten wie Narkotika oder Schmerzmitteln, darunter auch Oxycodon, Hydrocodon oder Codein verabreicht werden.

Vor der Behandlung mit LDN sollte eine gründliche Untersuchung vorgenommen werden, darunter auch eine neurologische Untersuchung und die Bewertung von Spastizität, Schmerzen, Erschöpfungszuständen und Depressionen, so wie auch umfassende biochemische Analysen und Urinuntersuchungen. Diese Testreihen sollten auch während der Behandlung regelmäßig durchgeführt werden.

Derzeit gibt es noch keinen Beweis dafür, dass LDN bei MS wirkungsvoller als andere konventionelle Behandlungsmethoden ist. Es ist möglich, dass LDN ein wirksames symptomatisches und ein neuroprotektives Mittel sein könnte, wenn auch randomisierte, Placebo- kontrollierte Doppelblindstudien erforderlich sind, um die Wirksamkeit von LDN bei Menschen mit MS weiter zu untersuchen.