Interview: Claude Vaney

Claude Vaney ist Oberarzt am Zentrum für Medizinische und Neurologische Rehabilitation an der Berner Klinik in Montana, Crans-Montana, in der Schweiz

F: Was halten Sie im Allgemeinen von dem Einsatz der Alternativmedizin bei Menschen mit MS?

Es ist ja allgemein bekannt, dass über die Hälfte aller Menschen, die an einer chronischen Erkrankung wie z. B. MS leiden, sich nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten umschauen, wenn die Optionen der Schulmedizin ausgeschöpft wurden. Ich gehe also davon aus, dass viele meiner Patienten ebenfalls alternative Behandlungsmöglichkeiten in Erwägung ziehen. Als der behandelnde Arzt
möchte ich natürlich wissen, wenn sie alternative Behandlungsmethoden einsetzen und ich ermutige sie dazu, darüber zu sprechen. Der Einsatz von Alternativmedizin kann auch als ein gangbarer Weg für den Patienten gesehen werden, die Verantwortung für seine Erkrankung anzunehmen und die Aufgabe des Arztes ist es, ihn zu beraten, damit er sich nicht selbst schadet.

F: Konfrontieren Menschen mit MS Sie häufig mit Fragen über die Alternativmedizin? Und stellen sie Ihnen Fragen, bevor sie die alternative Behandlung aufnehmen oder erst danach?

Wenn man sich gegenseitig respektiert und vertraut, dann bedeutet das, dass im Rahmen der daraus resultierenden guten Kommunikation alle Fragen über Alternativmedizin offen angesprochen werden. Das muss natürlich nicht immer so sein. Manchmal geschieht es erst, wenn ich eine alternative Behandlungsmethode wie zum Beispiel Akupunktur oder Kräuter vorschlage, dass der Patient mir erzählt, dass er (oder sie) diese bereits ausprobiert hat. Oder es passiert auch, dass der/die PatientIn die alternative Behandlungsmethode ausprobiert hat, sie nicht so erfolgreich war, wie er/sie sich das gewünscht hat und er/sie mich jetzt um Rat bittet.

F: Wie gehen Sie das Thema Alternativmedizin bei Ihren Gesprächen mit den Patienten an?

Wenn wir eine Anamnese machen, dann sollte der Einsatz von alternativen Behandlungsmethoden in systematischer Art und Weise angegangen werden – genau wie bei den Fragen über Medikamente, Allergien und neue Symptome. Ich trage routinemäßig während der Arztbesuche auf dem Krankenblatt meiner Patienten ein, ob sie Alternativmedizin einsetzen.

F: Bemühen sich die Patienten darum, die Tatsache, dass sie alternative Behandlungsmethoden einsetzen, vor Ihnen oder anderem Fachpersonal zu verheimlichen?

Interessanterweise haben viele meiner Patienten erzählt, dass sie mit ihrem Hausarzt nicht über alternative Behandlungsformen sprechen, da sie fürchten, dass er nicht damit einverstanden wäre.

F: Haben Sie das Gefühl, dass Menschen mit MS gut über Alternativmedizin informiert sind?

Das Internet hat es leichter gemacht, Informationen über Alternativmedizin zu erhalten. Einige Patienten besitzen sehr detaillierte Informationen. Gewöhnlich wissen sie mehr als wir. Wir Ärzte sollten uns, was dieses Thema angeht, unbedingt auf dem Laufenden halten, damit wir unseren Patienten die richtigen Empfehlungen geben können.

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