Cannabis und MS

Richard Hosking und John Zajicek, Clinical Neurology Research Group, Peninsula Medical School, Plymouth, Großbritannien

Die Pflanze Cannabis Sativa hat im Laufe der Geschichte immer wieder das Interesse der Menschen geweckt. Die moderne Cannabisforschung datiert aus den 1960er Jahren, als der israelische Wissenschaftler Raphael Mechoulam die aktiven Bestandteile der Pflanze entdeckte, die er als Cannabinoide bezeichnete. Das führte schließlich zur Entdeckung des eigenen Cannabinoid-Systems des Körpers, das für viele Organe, darunter auch das Gehirn, ausgesprochen wichtig ist.

Menschen mit MS berichten von einer Verbesserung der Symptome nach der Verabreichung von Cannabis und hier möchten wir Ihnen mehr über den wissenschaftlichen Hintergrund, klinische Studien, potenzielle Risiken und die mit der Einnahme verbundenen rechtlichen Probleme erzählen.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Cannabis ist unter verschiedenen Namen bekannt: Marihuana steht für die getrockneten Blätter, Haschisch für in Blöcke gepresstes Harz. Die Pflanze enthält über 60 Cannabinoide (CB) mit unterschiedlicher biologischer Aktivität. Tetrahydrocannabinol (THC) ist das entscheidende psychoaktive Cannabinoid, es wurden aber auch schon synthetische CBs entwickelt. Bisher wurden zwei spezifische CB-Rezeptoren (CBR) entdeckt. Überraschenderweise ist der erste davon, CB1R, derjenige, der am häufigsten unter allen Rezeptoren im Nervensystem vorkommt. Die höchste Anzahl von CB1R findet sich in Gehirnarealen, die mit dem Denken, der Erinnerung, Bewegung und Koordination in Verbindung gebracht werden. Das erklärt, warum Cannabis-Anwender Schwierigkeiten in diesen Bereichen empfinden. Der zweite Rezeptor (CB2R) findet sich auf den Zellen des Immunsystems. Bei Experimenten an Tieren wurde die Bedeutung der CB in vielen Krankheitsprozessen bei MS hervorgehoben. Bezeichnenderweise weisen MS post-mortem – Forschungen an der Gehirnmasse auf, dass viele der Zelltypen CBR enthalten. Derzeit laufen Untersuchungen, um herauszufinden, welchen Zweck sie zu erfüllen haben.

Klinische Studien

Die Hoffnung, dass Cannabis zur Behandlung von MS eingesetzt werden könnte, hat zu unzähligen Studien geführt. Es ist jedoch nicht einfach, den Behandlungserfolg bei MS zu bewerten und verlässliche Studien erfordern eine hohe Teilnehmerzahl und eine gründliche Vorbereitung. Die Psychoaktivität von THC sorgt für weitere Komplikationen. Dennoch sind die ersten Ergebnisse ermutigend, insbesondere was Schmerzen, Muskelversteifung und Blasenprobleme angeht.

Schmerzen sind ein wesentliches Symptom der MS. Bei Tierversuchen wurde festgestellt, dass die CBR eine wichtige Rolle bei der Schmerzsteuerung einnehmen. Verschiedene Studien haben bestätigt, dass auf Cannabis basierende Behandlungsmethoden die neuropathischen Schmerzen bei MS lindern. Untersuchungen von Personen mit MS, die regelmäßig Cannabis rauchen, berichten von einer Verbesserung der Muskelversteifung (Spastizität). In Tierversuchen wurde bestätigt, dass die CB1R-Aktivierung dafür verantwortlich ist. Die Studie‚ Cannabinoide bei Multipler Sklerose’ wurde mit über 600 Teilnehmern in einem Zeitraum von 15 Wochen durchgeführt und bestätigte lauteigenenAngabenVerbesserungenbei Spastizität und Schmerzen. Nach 12 Monaten Behandlung war eine entscheidende Reduzierung der klinisch belegbaren Spastizität zu verzeichnen.

Daten aus Tierversuchen haben auch ergeben, dass die Aktivierung der Immunzellen-CB2R entzündungshemmende Effekte auslöst, die den Krankheitsverlauf unter Umständen verzögern. In einer Folgestudie wurde ein relativer Erhalt der Gehfähigkeitbestätigt, der weiter untersucht werden wird. Einige Ergebnisse bestätigten auch, dass Cannabisextrakt Blasenschwäche via CB1R-Aktivierung reduziert.

Cannabis-Präparate

Es ist noch nicht bekannt, welche Cannabinoide (pflanzlich oder synthetisch, allein oder in Kombination) bei MS am effektivsten wirken. Wichtig ist, dass sich die CB-Aktivität durch die Methodik der Medikamentenherstellung verändern kann. Das Erhitzen (durch Rauchen) kann zum Beispiel die entzündungshemmenden Eigenschaften zerstören. Der Leberstoffwechsel reduziert ebenfalls die Wirksamkeit des Inhaltsstoffes, kann aber durch die Gabe oraler Sprays umgangen werden, die eine direkte Absorption in das Blut ermöglichen. Ein auf Cannabis basierender medizinischer Auszug (CBME – cannabis-based medicinal-extract), Sativex®, enthält THC und Cannabidiol und ist in Kanada für MS- bezogene, neuropathische Schmerzen im Handel. In Großbritannien wird er derzeit für einzelne Patienten verschrieben. Sativex® wird im Moment weiteren Tests unterzogen, bevor das Medikament in Großbritannien offiziell als Arzneimittel zugelassen werden kann. Ein weiterer CBME, Cannador®, wurde erst kürzlich in Großbritannien getestet. Dabei wurde eine merkliche Verbesserung der Symptome beobachtet.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Psychoaktivität reagiert proportional darauf, wie viel THC jedes Cannabis-Präparat enthält. Menschen mit MS, denen CB verschrieben wurde, berichten oft von geringfügigen Nebenwirkungen, Menschen mit Kognitionsstörungen oder  Depressionen können unter Umständen an schwereren Nebenwirkungen leiden. Das Rauchen von Cannabis führt zu einem rapiden Ansteigen der THC-Konzentration im Blut, die dann durch den Stoffwechsel und die Körperfettverteilung schnell wieder absinkt. Das begrenzt die Wirksamkeit des Medikaments und aller entsprechenden psychoaktiven Effekte. Das Rauchen von Cannabis führt vermutlich zu denselben Risiken für die Lunge wie das Rauchen von Tabak. Wenn Cannabis oral eingenommen wird, steigen die THC-Werte nur langsam an und sind stabiler. Dadurch verlängern sich auch die psychologischen Auswirkungen. THC kann auch längere Zeit nach der letzten Anwendung im Urin nachgewiesen werden.

Es existieren keinerlei Berichte darüber, dass eine Überdosierung von Cannabis zum Tode führen kann. Die Verminderung der Wahrnehmungsfähigkeit bedeutet jedoch, dass die Anwendung während potenziell gefährlicher Aktivitäten (wie z. B. Autofahren) vermieden werden sollte. Das Risiko einer langfristigen psychiatrischen Störung ist umstritten, jedoch gehören Teenager und regelmäßige Anwender zu den am meisten gefährdeten Gruppen. Es kann auch zu Entzugserscheinungen kommen.

Es wird viel darüber diskutiert, ob Cannabis als illegale Droge klassifiziert werden sollte. In vielen Ländern der Welt ist der Cannabiskonsum verboten. Bitte machen Sie sich unbedingt mit den Gesetzen in Ihrem Land vertraut.

Fazit

Weitere Untersuchungen werden die Rolle von Cannabis bei MS klären und die Weiterentwicklung der Medikamente wird vermutlich zu einer Reduzierung der psychologischen Nebenwirkungen führen. Nach dem aktuellen Stand der Forschung scheint eine CB- Behandlung MS-bezogene Schmerzen, Spastizität und Blasenschwäche zu lindern.

Eine der interessantesten Fragen in der Forschung liegt darin herauszufinden, ob CB den aktuellen Krankheitsverlauf progressiver MS tatsächlich verzögern kann. Insgesamt sieht es gut aus für diese natürlichen Moleküle, die schon seit Urzeiten von der Medizin eingesetzt werden.

Anmerkung des Herausgebers:
Cannabis ist in einigen Ländern illegal. Der Besitz und die Anwendung von Cannabis können schwere Strafen nach sich ziehen.