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Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin bei MS

Jingduan Yang MD, Direktor der Fakultät für Akupunktur und Orientalische Medizin, Jefferson Myrna Brind Center of Integrative Medicine, Thomas Jefferson University, Philadelphia, Pennsylvania, USA

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), wie sie heute praktiziert wird, entwickelte sich aus dem umfangreichen Wissen eines uralten Heilsystems, dessen erste schriftliche Zeugnisse auf 100 v. Chr. datieren. Dieses System beschreibt die menschliche Physiologie und Psychologie in ähnlicher Weise wie die moderne Medizin. Es zeigt aber auch den Körper und seine Funktionen in Bezug auf eine Lebensenergie, die als Qi bezeichnet wird. Die Wege, auf denen das Qi sich innerhalb des Körpers fortbewegt, werden Meridiane genannt. Die TCM geht davon aus, dass die Ursachen von Erkrankungen in Blockierungen der Meridiane und einer Unausgewogenheit des Qi, also der Lebensenergie, liegen.

Bei einer Behandlung mit TCM werden zunächst die Meridiane lokalisiert, die in den Prozess der Erkrankung eingebunden sind und den Grund für die Unausgewogenheit des Qi darstellen. Basierend auf den Symptomen wird dann ein Behandlungsplan entwickelt und umgesetzt, der oft z.B. Akupunktur und die Gabe von chinesischen Kräutern beinhaltet.

Qi

Das Qi ist ein grundlegendes Konzept der chinesischen Medizin. Wenn Qi in Bezug auf den Namen eines Organs oder Systems verwendet wird, dann wird damit die Lebensenergie beschrieben, die alle Funktionen dieses Organs unterstützt. Das Herz-Qi sorgt zum Beispiel dafür, dass das Blut weiter durch den Körper zirkuliert und das Blut-Qi beschreibt die Nahrung, die der Kreislauf dem Körper zuführt. Qi wird auch verwendet, um Gefühle zu beschreiben, wie z. B. das wütende Qi oder das fröhliche Qi. Zu den „Symptomen” einer Unausgewogenheit des Qi`s gehören Mangelerscheinungen, Stagnation, Aufruhr und Zusammenbruch.

Nach der TCM sind MS-Symptome wie visuelle Störungen, Schwindel, Muskelkrämpfe und sich verlagernde Schmerzen oft auf eine Mangelfunktion des Leberblutes zurückzuführen. Gedächtnisverlust, Schlaflosigkeit, Schmerzen im unteren Rücken, Inkontinenz und Erektionsstörungen werden dabei von einem Defizit des Nieren-Qi verursacht. Muskelschwäche und Atrophie, Erschöpfung, Verdauungsstörungen, das Fehlen von geistiger Klarheit und die Veranlagung, blaue Flecken auszubilden, weisen auf einen Mangel des Milz-Qi hin.

Das Wesen des Qi wird auch als Yin und Yang kategorisiert. Zu den Qualitäten des Yin zählen Kälte, Ruhe und physiologische Prozesse bei der Ernährung, während die Qualitäten des Yang Hitze, Bewegung und physiologische Prozesse der Funktion darstellen. In einem gesunden Organismus stehen Yin und Yang im Einklang miteinander.

Ein TCM-Arzt würde MS-Symptome wie z. B. Unruhe und ungewollte Bewegungen der Muskeln und Extremitäten als Zeichen eines Yang-Qi interpretieren, die das Ergebnis von zu viel Yang-Qi oder zu wenig Yin-Qi im System sein können. Für den TCM-Arzt ist es absolut notwendig, diese beiden Zustände zu differenzieren, um den bestmöglichen Behandlungsplan zu entwickeln.

Es gibt in der modernen Medizin Parallelen zu Yin und Yang, wie zum Beispiel die anregenden und hemmenden Neurotransmitter im neurologischen System und unterdrückende und stimulierende Zytokine im Immunsystem. Das Ziel der Akupunktur und chinesischen Medizin ist es, das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Diagnose und Behandlung

Jede Person muss gründlich von einem gut ausgebildeten und erfahrenen TCM-Arzt untersucht werden, der das umfassende theoretische Fundament und die Techniken der traditionellen chinesischen Medizin auf den Diagnose- und Behandlungsprozess anwendet. Nach der chinesischen Medizin können auch Menschen mit demselben Untertyp von MS eine unterschiedliche Qi-Unausgeglichenheit aufweisen und müssen deshalb auch eine ganz individuelle Behandlung erhalten.

Akupunktur

Akupunktur ist eine Methode, um Yin und Yang auszubalancieren, blockierte Meridiane zu öffnen, Qi- Stagnation zu beenden, aufrührerisches Qi umzuleiten und die Qi-Zirkulation zu stimulieren, um eine effektive Behandlung zu ermöglichen.

Während der Behandlung bringt der Akupunkteur sterile, feine Wegwerfnadeln auf der Oberfläche der Haut an dem Punkt an, der mit dem entsprechenden Meridian verknüpft ist. Manche Menschen fühlen einen winzigen Stich, wenn die Nadel eingeführt wird, andere einen kurzen, aber stechenden Schmerz. Nach dem Einbringen der Nadel muss der Akupunkteur das Qi berühren und manipulieren. Das führt zu Empfindungen wie einem dumpfen Schmerz, Druck, Kribbeln und Taubheit, die sich auch entlang der Meridiane fortsetzen können und oft Stunden nach der Behandlung noch spürbar sind. Nebenwirkungen bei Akupunktur sind extrem selten. Zu den geringeren Reaktionen gehören die Bildung von blauen Flecken am Akupunkturpunkt, Erschöpfung, Schmerzen beim Einstechen der Nadel und Bluten. Schwere Komplikationen sind ausgesprochen selten und werden oft von schlecht ausgebildeten oder nachlässigen Akupunkteuren verursacht. Wenn eine saubere Nadeltechnik eingesetzt wird, das Verletzen von Blutgefäßen beim Einstich vermieden wird und die Behandlung am Patienten in einer entspannten Position durchgeführt wird, verringert das die Nebenwirkungen.

Chinesische Kräutermedizin

Chinesische Kräutermittel stellen eine wichtige Komponente im Heilungsprozess bei der TCM dar. Im Gegensatz zu vielen synthetisch hergestellten Medikamenten oder Vitaminen gibt es bei diesen Mitteln keine spezifischen biochemischen Zielorte für einen einzelnen Wirkstoff. Da ein Kraut viele verschiedene chemische Inhaltsstoffe haben kann, wird es mit Bezug auf seine energetische Wirkung als Ganzes ausgewählt. Die Behandlung wird dann basierend auf der Bewertung der Qi-Energie, der Yin-Yang-Ausgewogenheit und anderen Komponenten der Diagnostik seitens des behandelnden Arztes ausgewählt.

Chinesische Kräuter sollten von einem erfahrenen Arzt verschrieben und auf keinen Fall willkürlich verabreicht werden, da sich das Lebenssystem des Körpers nach der TCM im Laufe der Zeit verändert. Langfristige Anwendungen sollten regelmäßig überprüft werden, um sicher zu stellen, dass die Behandlung weiterhin für Harmonie und Ausgewogenheit sorgt. Die Qualität der Kräuter-Heilmittel ist von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich und Sie sollten immer einen erfahrenen Arzt befragen, bevor Sie diese Mittel anwenden.

Forschung und klinische Studien

Eine Auswertung der verfügbaren Studien über Akupunktur, die 1997 vom Gesundheitsministerium (National Institutes of Health) durchgeführt wurde, erbrachte einen „eindeutigen Beweis” dafür, dass Akupunktur Schmerzen und einige andere Symptome lindern könne und belegte auch die Beweiskraft „wie sie für viele der akzeptierten, westlichen Behandlungen mit Medikamenten” gilt. Dabei wurde auch hervorgehoben, dass Akupunktur „erstaunlich sicher sei und weniger Nebenwirkungen habe als viele der etablierten Behandlungsformen”. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass es sich hier nicht um MS-spezifische Studien handelte.

Bislang gibt es nur sehr wenige Studien darüber, wie sich Akupunktur bei MS auswirkt. Diese sprechen aber größtenteils von geringfügigen und kurzfristigen Vorteilen. Eine Studie hob beispielsweise hervor, dass es zu einer Verbesserung bei auf MS zurückzuführenden Blasenproblemen kommen könne, andere weisen auf widersprüchliche Resultate bei Spastik hin. Eine groß angelegte Studie berichtet darüber, dass sich Akupunktur bei etwa zwei Drittel aller MS-Patienten positiv auswirken und es dabei zu Verbesserungen bei der Schmerzbehandlung, Darm- und Blasenproblemen, Spastik, Schwäche, Koordination, Kribbeln und Schlafstörungen kommen kann. Die behandelten Patienten berichteten auf der anderen Seite aber auch über erhöhte Müdigkeit, Spastizität und Schwindel.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es nur sehr wenige, gut aufbereitete Studien über den Einsatz von Akupunktur oder Kräutermedizin bei der Behandlung von MS gibt. Wegen des Fehlens moderner Untersuchungsmethoden und eine uneinheitliche und inadäquate Behandlungsintervention, müssen die Ergebnisse der klinischen Studien mit Vorsicht interpretiert werden.

Anmerkung des Herausgebers:

Es gibt bisher keine sachgemäß durchgeführten Studien, die die Sicherheit oder Effektivität von chinesischen Kräutern in der Behandlung von MS geprüft haben. Einige chinesische Kräuter enthalten Inhaltsstoffe, die das Immunsystem stimulieren. Rein theoretisch gesehen, könnten diese Kräuter die MS verschlimmern oder die Wirkung von den krankheitsmodifizierenden Medikamenten beeinflussen.