Home | Was ist MS? | Intimität, Sexualität | Sexuelle Funktionsstörungen bei Männern mit MS

Sexuelle Funktionsstörungen bei Männern mit MS

Von Douglas W. Lording, Krankenhausdirektor, Melbourne Andrology Centre, Victoria, Australien

Die sexuelle Aktivität des Mannes erfordert üblicherweise neben den zahlreichen anderen emotionalen und beziehungsspezifischen Komponenten, die wichtig für die Befriedigung sind, die Koordination von Erregung, Erektion und Orgasmus, inklusive Ejakulation. Eine direkte Unterbrechung von Nervenbahnen, über die die Erektion und die Ejakulation gesteuert werden, tritt häufig auf.

Erektile Dysfunktion

Eine Erektion entsteht, wenn die Muskelzellen in der Wand der Blutgefäße und des erektilen Gewebes des Gliedes sich entspannen und dadurch Blut in das Glied fließt. Die Entspannung dieser Muskelzellen erfolgt durch den Ausstoß von Stickoxid (NO) über die Nerven, die aus dem unteren Teil des Rückenmarks führen. Die Informationen, die diese Nerven übertragen, entstehen üblicherweise im Gehirn und werden durch den unteren Teil des Rückenmarks geleitet.
Die erektile Dysfunktion (ED) ist die bei Männern am weitesten verbreitete sexuelle Funktionsstörung, und sie ist meist auf Gefäß- oder Nervenleiden zurückzuführen. Allerdings spielen psychosexuelle Faktoren auch eine wichtige Rolle. Die ED kann einen starken Einfluss auf das Selbstwertgefühl, Beziehungen und das allgemeine Wohlbefinden haben.

Ejakulatorische Dysfunktion

Bei der Ejakulation findet im Beckenbereich eine weitreichende Muskelkontraktion statt, die zum Ausstoßen des Samens und zum Großteil der Empfindungen führt, die im Zusammenhang mit der umfassenderen Empfindung eines Orgasmus stehen. Diese Empfindungen werden auch durch Nervenimpulse hervorgerufen, die das Rückenmark ausgehend von wichtigen Gehirnzentren durchströmen.
Oft werden eine verspätete Ejakulation oder ein völliges Ausbleiben der Ejakulation (Anejakulation) durch eine Unterbrechung der Nervenbahnen verursacht und können Teil einer weitreichenderen Orgasmusstörung sein.
Ejakulationsstörungen treten ebenfalls bei MS auf, obwohl es weniger Informationen über die Häufigkeit gibt. Oft verursachen Antidepressiva (siehe Seite 16), die möglicherweise bei MS verabreicht werden, als Nebenwirkung Ejakulationsprobleme. Bei manchen Männern mit MS kann aufgrund der Anspannung wegen ihrer Krankheit die Ejakulation frühzeitig erfolgen.

Sexuelles Begehren

Testosteron wirkt in verschiedenen Gehirnzentren, die für sexuelle Gedanken und das sexuelle Begehren (Libido) wichtig sind. Ein niedriger Testosteronspiegel wird mit Depressionen und Übergewicht – zwei Leiden, die mit MS zusammenhängen können – assoziiert. Häufig wird das Begehren von anderen Faktoren als der direkten körperlichen Komponente der Krankheit beeinflusst. Dies gilt vor allem dann, wenn bei MS andere physische und psychische Faktoren, wie Müdigkeit, eine wichtige Rolle spielen.

Klinische Untersuchung

Nicht allen Männern mit ED (oder sogar dem Gesundheitspersonal) fällt es leicht, über Sex zu sprechen, und sie werden dieses beunruhigende Thema wahrscheinlich nicht ansprechen. Es ist wichtig zu betonen, dass sexuelle Funktionsstörungen durch vorsichtige Gespräche und nicht durch Diagnosetests festgestellt werden. Bei Männern mit MS können andere Ursachen die sexuelle Funktionsstörung hervorrufen und bei der Evaluierung sollte dies beachtet werden. Einfache Blutuntersuchungen werden empfohlen, um Diabetes, einen erhöhten Cholesterolspiegel oder einen Testosteronmangel festzustellen. Eine sorgfältige Evaluierung der Auswirkung der Einnahme von Medikamenten ist wichtig.
Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es ist, sowohl den Mann, der an MS leidet, als auch seine(n) Partner/in zu untersuchen – insbesondere wenn die anfängliche Behandlung nicht zum Ziel geführt hat. Dies erfordert höhere Qualifikationen, über die nicht jeder Arzt verfügt.

Behandlung der erektilen Dysfunktion

Der Neurologe oder MS-Pfleger sollte Männer mit MS fragen, ob sie unter einer erektilen Dysfunktion leiden. Wenn ja, müssen die Auswirkungen dieser bedeutenden Störung evaluiert werden, und wenn sie sich als sehr ausgeprägt herausstellt, sollte eine ganze Palette von Behandlungsmöglichkeiten besprochen werden. Bei der Behandlung werden üblicherweise eher erektionsfördernde Medikamente eingesetzt, als das zugrunde liegende Problem behandelt. Allerdings sollte stets Wert auf die Behandlung von Symptomen gelegt werden, die dadurch möglicherweise wieder völlig verschwinden können. Medikamente, die für die Verlangsamung des Voranschreitens von MS eingesetzt werden, könnten ebenfalls hilfreich sein.
Die am häufigsten eingesetzten Medikamente wirken, indem sie die Entspannung der Muskelzellen im Penis verbessern. Sildenafil, Tadalafil und Vardenafil haben durch einen ähnlichen Mechanismus alle diese Wirkung. Diese Medikamente sind sicher, gut verträglich, und die Beobachtung ihres Einsatzes bei MS und Verletzungen der Wirbelsäule haben ihren hohen Wirkungsgrad bestätigt, durch den ungefähr drei Viertel der Männer zu zufriedenstellenden Ergebnissen kamen.
Der wichtigste Aspekt beim Einsatz dieser Medikamente ist die Information darüber, wie die besten Ergebnisse erzielt werden können. Sie müssen mindestens eine halbe Stunde vor dem Sex eingenommen werden. Allerdings finden manche Paare die Vorstellung zu planen, wann sie Sex haben werden, störend, und dieser Aspekt gerät oft mit der Behandlung in Konflikt. Eine normale sexuelle Stimulation ist erforderlich, um die Erektion anzuregen, daher muss das Paar in der richtigen Stimmung für Sex sein. Die Sorge in bezog auf das Ergebnis kann bei den ersten Einnahmen zu einem nicht besonders zufriedenstellenden Ergebnis führen. Geduld, medizinische Kontrollen und weitere Einweisungen sind wichtig, damit die Behandlung erfolgreich ist.

Nebenwirkungen

Diese Medikamente können zu leichten Kopfschmerzen, Errötung, einer Anschwellung der Nasenschleimhaut, Verdauungsstörungen und Muskelschmerzen führen, aber diese Nebenwirkungen schließen ihre Verabreichung im Normalfall nicht aus. Als Sildenafil auf den Markt kam, wurde viel über die möglichen Nebenwirkungen auf das Herz gesprochen und daher sind Männer und ihre Partner/innen nach wie vor besorgt. Bei der zeitgleichen Einnahme all dieser Medikamente mit Nitraten (vor allem zur Behandlung von Angina eingesetzt) besteht ein potentielles Risiko, und Männer, die unter einer Herzerkrankung leiden und für die daher die körperliche Betätigung während des Geschlechtsverkehrs potentiell gefährlich ist, sollten diese Medikamente mit Vorsicht einnehmen.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten bei ED

Wenn diese Medikamente wirkungslos sind oder nicht sicher eingesetzt werden können, kann die Injektion von Medikamenten in den Penis oder der Einsatz mechanischer Hilfen als wirksames Mittel in Betracht gezogen werden. Prostaglandin E1 kann direkt in den Penis injiziert werden. Dieses Mittel entspannt die Muskelzellen und führt im Normalfall zu einer starken und langanhaltenden Erektion. Ausgeprägte Geschicklichkeit und vernünftiger Umgang sind für die Selbstinjektion sehr wichtig. Schmerzen im Penis, knotenförmige Vernarbung innerhalb der Schwellkörper und übermäßig langanhaltende Erektionen können auftreten. Die vorgeschriebene Dosierung muss strikt eingehalten werden.
Manche Männer mit ED können mit Hilfe eines Penisrings – üblicherweise in Kombination mit einer Vakuumvorrichtung – eine zufriedenstellende Erektion erzielen. Diese Vorrichtung dient dazu, mehr Blut in den Penis zu saugen, während der Ring, der aufgesteckt wird, nachdem genug Blut in den Penis geflossen ist, den Rückfluss des Blutes aus dem Penis verringert. Wenn all diese Methoden nicht zum Erfolg führen, kann eine Penisprothese eingesetzt werden, bei der die in den Schaft implantierten Zylinder aus einem Flüssigkeitsreservoir im Hodensack gefüllt werden können.

Behandlung von Ejakulationsstörungen und geringem sexuellem Begehren

Im Gegensatz zur ED gibt es kein Medikament, das direkt zur Verbesserung bei Ejakulationsstörungen oder einer Steigerung der Begierde führt. Daher wird das Hauptaugenmerk auf die Optimierung des körperlichen und geistigen Wohlbefindens gelegt. Die bei ED eingesetzten Medikamente werden oft erprobt, wenn Probleme bei der Ejakulation oder der Orgasmusfähigkeit bestehen, da dabei häufig auch eine gewisse ED beteiligt ist. Außerdem ist die Stimulierung im Normalfall bei einer härteren Erektion stärker. Bei manchen Männern führen verschiedene Stellungen zu einer besseren Stimulation, und manchen Männern helfen mechanische Mittel, wie zum Beispiel der Einsatz eines Massagestabes.

Paaren sollte versichert werden, dass befriedigender Sex auch ohne eine volle Erektion oder Penetration möglich ist, und dass die Befriedigung des Partners auch mit einer Vielzahl stimulierender Techniken möglich ist.