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Aktiv bleiben: Freizeit und Sport

von Paul Van Asch, Director of Physiotherapy, National MS Centre, Melsbroek, Belgien

Die eigenen Lebensgewohnheiten zu ändern ist sicher keine leichte Aufgabe aber dennoch möglich. Viele MS- Erkrankte versuchen, ihren Arbeitsplatz so lange wie möglich zu halten. Bevor der MS-Erkrankte seinen Arbeitsplatz ganz aufgibt, steht die Möglichkeit einer Anpassung des Arbeitsplatzes, einer Umgestaltung des Jobprofils oder flexibler Arbeitszeiten auszuloten. Zwingt die Krankheit eine Person, ihr Erwerbsleben einzustellen, so ist für ihre Selbstachtung und ihr Wohlbefinden von größter Wichtigkeit, für den entstandenen Verlust erfüllende und befriedigende Ersatzbeschäftigungen zu finden.

Für eine erfolgreiche Umgestaltung der Lebensgewohnheiten sind Gedankenaustausch und professionelle Begleitung unabdingbar. Veränderungen annehmen zu lernen, braucht Zeit, wobei von jedem einzelnen Betroffenen abhängt, wie viel Zeit er benötigt. Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten benötigt die Person die Unterstützung anderer Menschen. Am Anfang dieser Arbeit steht eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der betroffenen Person – man könnte das eine Art Checkliste für Freizeitinteressen nennen.

War der Betroffene vor dem Krankheitsausbruch sportlich aktiv? Wenn ja, womit genau? Was waren die Hobbys der Person vor der Erkrankung? Konnte die Person sich bislang aus Zeitgründen einige Träume nicht erfüllen? Die Antworten auf diese und andere Fragen bilden die Grundlage für eine zielorientierte Suche nach neuen Aktivitäten. Die Palette von Freizeitbeschäftigungen und sportlichen Aktivitäten mit Eignung für MS-Erkrankte mit oder ohne Behinderungen ist enorm breit gefächert. Ziel ist es, jene Beschäftigungen herauszufiltern, die am realistischsten mit den Interessen, Erwartungen und körperlichen Grenzen der betroffenen Personen korrespondieren.

Freizeitaktivitäten

Oft bietet schon das direkte Lebensumfeld ein breites Spektrum an Freizeitaktivitäten. Günstig wäre daher, die örtlichen Möglichkeiten auszukundschaften und herauszufinden, welche Voraussetzungen für eine Teilnahme zu erfüllen sind. Die Entscheidung für oder gegen eine Teilnahme kann schon von der Fähigkeit der Person abhängen, den Ort der Aktivitäten zu erreichen. MS-Erkrankte müssen den Weg zu einem Treffpunkt außer Haus auf ausreichende Barrierefreiheit überprüfen.

Lesen, Gartenarbeit und Kochen

Es wurde eine Reihe von verschiedenen Werkzeugen und Geräten entwickelt, die Aktivitäten wie Lesen, Gärtnerei und Kochen soweit erleichtern, dass sie auch MS-Erkrankten mit Symptomen wie Gliederschwäche, eingeschränkter Mobilität und Fehlsichtigkeit Freude bereiten können. Automatische Seitenumblätterer und Buchhalter können das Lesen erleichtern. Bücher mit großer Schriftgröße oder Hörbücher auf Kassette oder CD sind ausgezeichnete Hilfsmittel für Personen mit Fehlsichtigkeit. Beispiele für Hilfsmittel, die Betroffenen die gefahrlose Fortsetzung einer liebgewordenen Aktivität ermöglichen, sind Gärtnerei- und Küchenwerkzeuge mit Spezialgriffen.

Für all jene, die einen PC bedienen können, bietet das Internet viele Möglichkeiten. Die Liste heutzutage erhältlicher angepasster PCs und Hilfsmittel für Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit, Feinmotorik und Kontrolle der oberen Extremitäten ist praktisch endlos. Das Internet selbst kann vielen als Freizeitmedium dienen, aber auch als Werkzeug, das dem einen oder anderen die Fortsetzung seiner Berufstätigkeit am heimischen Arbeitsplatz erlaubt.

Sport

Sportliche Betätigung kann sich auf den allgemeinen Gesundheitszustand und auf das Wohlbefinden einer Person positiv auswirken. Manche Sportarten werden sicherlich die eine oder andere Anpassung oder bestimmte Hilfsmittel erforderlich machen. Mit Geduld und etwas Tapferkeit kann jedoch jeder eine Sportart finden, die seinen oder ihren Erwartungen entspricht.

Skifahren im Sitzen lässt sogar schwer behinderten Menschen den Kitzel spüren, der in dieser aufregenden Sportart steckt. Die Vier-Spuren-Methode ermöglicht Menschen mit Gleichgewichtsstörungen das Skifahren.

Bowling verbindet Sport und sozialen Austausch mit Familienangehörigen, Freunden und anderen. Wie bei anderen adaptierbaren Sportarten ist der Behinderungsgrad kein Kriterium bei der Entscheidung, ob eine Person teilnehmen kann, da eine Vielzahl von adaptierten Formen und Hilfsmitteln Abhilfe schaffen können.

Reiten kann in therapeutischem Setting oder einfach zur Entspannung betrieben werden. Für die positive Auswirkung auf Körpergleichgewicht und Spastizität der unteren Extremitäten gibt es reiche Belege. Besuchen Sie die Website der Federation of Riding for the Disabled International http://www.frdi.net/ (in Englisch).

Rollstuhltennis kann früheren Tennisspielern als geeigneter Ersatz oder Anfängern als neue Herausforderung dienen. Diese Sportart kräftigt die Muskeln des Ober- und Unterarms. Sie bietet überdies

Sozialisierungschancen.
Der Tauchsport eröffnet vielen MS-Erkrankten neue Welten. Diese Sportart erfordert vor ihrer Ausübung eine vollständige ärztliche Untersuchung. Tauchclubs für Behinderte gibt es in vielen Ländern; hier werden viele Programme mit speziell ausgebildeten „Tauchmentoren“ zur Begleitung des behinderten Tauchneulings angeboten. Die Sportart erfordert regelmäßiges Training je nach Wetter entweder in einem Hallenbad oder in einem Freibad. Die positive Wirkung des Tauchsports auf den Atemapparat ist bekannt. Hauptaugenmerk der International Association for Handicapped Divers (IAHD) liegt in der Bereitstellung von Mitteln, die es körperlich Behinderten ermöglichen, Sporttaucher zu werden. Die URL der Gesellschaft ist http://www.iahd.org/

Fitness- und Trainingsgruppen können eine Quelle von Sozialisierung, Gesundheit und Spaß sein. In den vergangenen Jahren haben Fitnessgeräte einen Stand erreicht, der es auch Personen mit Behinderungen ermöglicht, mit diesen Geräten zu arbeiten. Weitere Informationen finden Sie unter „Ja zur Fitness: Gymnastik und MS“ in der vorliegenden Ausgabe von MS in Focus.

Sportwettkämpfe für Menschen mit Behinderungen, auch solche mit MS, finden inzwischen in allen Teilen der Welt statt. Die einzelnen Wettkampfbereiche sind i. d. R. je nach Möglichkeit der betreffenden Athleten in verschiedene Levels eingeteilt. Die Paralympics, als Olympiade für Behindertensportler ein gutes Beispiel für die Verschiedenartigkeit von behinderten Personen ausübbarer Sportarten. Die Website des Kanadischen Paralympischen Komitees finden Sie unter www.paralympic.com (in Englisch)

Schlussbemerkung

Dass Menschen mit MS ihre Lebensweise dem Diktat der Krankheit unterwerfen müssen, bedeutet nicht, dass Sie sich von einer aktiven Lebensgestaltung und ihren individuellen Interessen und Erwartungen verabschieden müssen. Kommunikation, Informiertheit und Annahme von Unterstützung sind wichtige Hilfsmittel bei der Auseinandersetzung des Betroffenen mit der großen Bandbreite potentieller Freizeitbeschäftigungen und sportlicher Aktivitäten. Der vorliegende Artikel hat von diesen nur eine Auswahl vorgestellt. MS-Gesellschaften, Websites und Gesundheitsexperten, hier vor allem Physiotherapeuten, sind oft ausgezeichnete Quellen für weiterführende Informationen über diese und andere Aktivitäten.