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Einführung in die MS-Forschung

Mark Freedman, leitender Direktor des MS-Zentrums, Universität Ottawa in Kanada

Die wissenschaftliche Methode gilt schon seit langer Zeit als der anerkannte Weg, um ein Forschungsprojekt durchzuführen. Sie beginnt mit einer Beobachtung oder einem Gedanken. Danach werden dann verschiedene plausible Erklärungen (richtige oder falsche) abgegeben. Der Untersuchende wählt dann eine oder die 3 Erfolg versprechendsten davon aus und legt das Rahmenwerk fest, wie jede dieser plausiblen Erklärungen zu bestätigen oder zu widerlegen sind. Das nennt man das Festlegen der Hypothese. Normalerweise wird die Frage negativ dargestellt, denn es ist im Allgemeinen einfacher festzustellen, dass etwas „nicht” ist, als dass es „ist”.Wennalsojemanddenkt,dassetwas größer, besser oder stärker als etwas anderes ist, dann wird hypothetisch erst einmal angenommen, dass beide gleich sind. Wenn dann bestätigt wird, dass sie es nicht sind, ist die Hypothese widerlegt. Deswegen enthalten wissenschaftliche Methoden Tests und entsprechende Auswertungen, um festzulegen, dass eine Hypothese, wenn sie denn widerlegt wird, aus den richtigen Gründen widerlegt wurde.

Forschung im Bereich MS

Wie also kann man das alles auf die Ursache oder die Behandlung von MS anwenden? Wie würde ein Wissenschaftler bei der Ursachenforschung vorgehen? Dabei muss er gleich mehrere große Schritte beachten, denn viele einzelne Aspekte könnten, rein zufällig, etwas mit MS zu tun haben, aber dennoch nichts mit deren Ursache.

Um ein Beispiel zu nennen: Was wäre, wenn mehr Menschen mit MS Sommersprossen haben? Man weiß heute, dass MSvorrangigbeihellhäutigenMenschenauftritt- und da Sommersprossen ebenfalls häufiger bei hellhäutigen Menschen auftreten, bedeutet das dann automatisch, dass Sommersprossen MS auslösen? Erst, wenn eine Assoziation eindeutig wird und es eine plausible Erklärung dafür gibt, warum diese Assoziation evtl. den Schaden verursachen könnte, wäre es ethisch tragbar, eine Intervention in Betracht zu ziehen, die diese „Anomalität” korrigieren könnte. Können Sie sich vorstellen, Ihre Sommersprossen entfernen zu lassen, weil ein Zusammenhang zur MS besteht? Dabei ist nicht einfach zu verstehen, warum Sommersprossen etwas mit MS zu tun haben sollten. Obwohl es an den Haaren herbeigezogen zu sein scheint, stehen die Pigmentzellen in derHaut mitdenGehirnzelleninVerbindung,undesistgut möglich, dass irgendein Faktor, der die Pigmentzellen dazu anregt, Sommersprossen zu bilden, auch das Immunsystem dahingehend stimuliert, Myelin zu bilden.

Die Phasen einer klinischen Studie

Neue Therapien oder Medikamente für MS müssen verschiedene Testphasen durchlaufen. In Phase I wird die neue Behandlungsmethode oder das Medikament an Menschen ohne MS angewandt, um eine Dosierung zu finden, die verträglich und relativ frei von Nebenwirkungen ist. Dann wird sie an Menschen mit MS getestet, um sicherzustellen, dass bei ihnen keine anders gearteten Probleme auftreten. Sobald man sich auf eine verträgliche Dosis oder Methode geeinigt hat, muss bestätigt werden, dass das neue Medikament oder die Behandlungsmethode tatsächlich einen Nutzenfür MS-Erkranktebringt,bevorsieTausendenvon Menschen verschrieben wird. Das geschieht dann in Phase II. Zum Beispiel gibt es bisher keine Behandlungsmethode, mitdermanSchübereduzierenkonnte,dienichtauchinder Lage war, die Aktivität der Erkrankung zu reduzieren, die auf einem MRT-Scan gemessen wird. Aus diesem Grund führen die Wissenschaftler oft kleinere Studien durch, bei denen das wichtigste Ergebnis nicht die Schubhäufigkeit ist, für die man viel Zeit und eine große Anzahl an MS-Patienten benötigen würde, um es zu bestätigen, sondern die Ergebnisse des MRT-Scans. Wenn bewiesen werden kann, dass die Behandlungsmethode oder das Medikament die MRT- Aktivität verringert, dann besteht eine realistische Chance, dass sie auch die Schübe reduziert.

In Phase III der klinischen Studie wird dann eine Gruppe mit dem neuen Medikament/der neuen Behandlungsmethode behandelt und die andere mit einem „Imitat” oder einem Placebo. Wichtig dabei ist, dass keiner der Studienteilnehmer weiß, welcher Art die Behandlung ist, die sie gerade erhalten, also werden die Teilnehmer auf der Zufallsbasis in zwei Gruppen eingeteilt. Beide Gruppen werden sorgfältig überwacht, damit sichergestellt werden kann, dass niemand erfährt, zu welcher Gruppe er gehört. Da die Wissenschaftler oft feststellen können, wer die Behandlung erhält (wegen abnormaler Bluttests oder weil sie die auftretenden Nebenwirkungen erkennen) sollte die Person, die entscheidet, ob es zu einem Schub gekommen ist oder nicht, keine weiteren Informationen über den Teilnehmer erhalten. Die Studie wird dann fortgeführt, bis genügend Schübe aufgetreten sind um festzustellen, ob die neue Behandlungsmethode/das neue Medikament tatsächlich einen Unterschied ausmacht oder nicht.

Die Fähigkeit zu beweisen, ob eine Behandlung effektiv ist, wird als „Repräsentativität” des Experimentes bezeichnet. Was wäre, wenn nicht genügend Personen untersucht würden oder wenn es zu viele Teilnehmer gäbe aber nur wenige Schübe? Solch eine Studie würde dann als „nicht repräsentativ” bezeichnet, weil die Chancen der Ablehnung der Hypothese (dass es keinen Unterschied ausmacht) sehr gering sind, selbst wenn ein Behandlungserfolg wahrscheinlich wäre. Normalerweise bestimmen die Wissenschaftler die Anzahl basierend auf dem voraussichtlichen Behandlungseffekt, oder wie viel besser es der behandelten Gruppe im Gegensatz zur Placebo-Gruppe geht. Wenn man annimmt, dass die Behandlung zu einer 50%igenVerbesserung führt, dann sollte das Experiment einen solchen Unterschied mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 80% zeigen. Oder anders ausgedrückt: Wenn es genügend Teilnehmer und Schübe gibt, dann lägen die Chancen, einen Unterschied von mindestens 50% zu finden, wenn er denn tatsächlich aufträte, bei über 80%.

Die letzte Phase der klinischen Studie (Phase IV) beschäftigt sich damit, was geschieht, wenn eine medikamentöse Behandlung zugelassen, abgegeben und von Ärzten angewandt wird. Diese Phase stellt sicher, dass bei der klinischen Praxis keine Überraschungen auftauchen. Einige Studien sammeln Sicherheitsdaten während andere Informationen darüber aufnehmen, welche Patienten besser auf ein bestimmtes Medikament ansprechen als andere.

Ethische Betrachtungen

Es ist absolut unumgänglich, dass während des gesamten Verlaufs dieser klinischen Studien die Würde der Teilnehmer gewahrt bleibt. Bei einer gut durchgeführten Studie besteht eine realistische Chance, etwas Wichtiges herauszufinden, ohne dass den Teilnehmern andere Behandlungsmethoden verweigert werden müssten und gleichzeitig die Nebenwirkungen oder Komplikationen zu minimieren. Ethikkomitees müssen die entsprechenden Protokolle bewerten und sie auch auf ihre Ausgewogenheit hin überprüfen, d.h., dass die Teilnehmer an der Studie nicht einem übermäßigen Risiko in Bezug auf einen geringen zu erwartenden Vorteil ausgesetzt werden. Sie überprüfen den Prozess der Einverständniserklärung und sorgen dafür, dass die Studie gut erklärt wird und alle evtl. positiven Ergebnisse nicht übermäßig angepriesen werden. Am Wichtigsten ist jedoch, dass jedwedes potenzielle Risiko genau aufgezeigt wird.

In vielen Teilen der Welt müssen neben der Bewertung durch die Ethikkommission die Studienärzte und -wissenschaftler sowie die an der klinischen Studie mitwirkenden Mitarbeiter inzwischenauch eine Schulung über eine ordnungsgemäße Durchführung einer klinischen Studie absolvieren. Damit wird sichergestellt, dass alle Beteiligten genau wissen, was getan werden muss, um die Teilnehmer an der Studie zu schützen und wie sie mit evtl. Problemen, die im Verlauf der Studie auftreten könnten, umzugehen haben.

Fortschritte in der MS-Forschung

Der Bereich der MS-Forschung hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen. Neue Behandlungsmethoden werden inzwischen relativ schnell im Rahmen eines hervorragend definierten wissenschaftlichen Prozesses geprüft. Mit dem Verständnis der MRT-Scans konnten diese Untersuchungen von der Forschung in die tägliche Praxis bei der Diagnose überführt werden, was zu einer früheren Diagnose führt. Weitere Untersuchungsmethoden werden in klinischen Studien getestet und vermutlich auch bald schon in der klinischen Praxis eingesetzt. So zum Beispiel die Optische Kohärenztomographie, eine weniger invasive Methode, um den Grad der Zerstörung der Nerven im zentralen Nervensystem zu messen, indem man das Auge und die Fasern untersucht, die in den Sehnerv eindringen. Fortgeschrittene bildgebende Verfahren in Verbindung mit korrelativen pathologischen Studien haben bewiesen, dass unser Konzept von Entzündungen nicht richtig sein könnte. Statt dass sie einfach verschwinden oder bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf quasi ausbrennen, verändern sie sich nur und werden bei einem andersartigen Typus der Reaktion des Immunsystems diffuser. Das bedeutet, dass die Messungen, die danach suchen, ob Entzündungen in den frühen Phasen der Erkrankung gehemmt werden, im Verlauf der Erkrankung angepasst werden müssen.

Man geht heute auch nicht mehr davon aus, dass MS hauptsächlich eine Erkrankung der „weißen Substanz” (myelinisierte Axone) ist, seitdem man herausgefunden hat, dass die „graue Substanz” (neuronale Zellkörper und Gliazellen) viel stärker beteiligt und vielleicht sogar der wichtigste bestimmende Faktor für die Behinderung ist. Die nächste wichtige Entwicklung wird ein „Biomarker” sein, mit dem wir dann einen einfachen Test entwickeln könnten, der uns aufzeigen kann, ob der Zustand des Erkrankten sich verbessert oder verschlimmert. Damit kann die direkte Behandlung maßgeblich verbessert werden.

Die Artikel in dieser Ausgabe von MS in focus befassen sich mit den wichtigsten Bereichen der MS-Forschung, die derzeit durchgeführt werden: Mit der Bedeutung qualitativer Forschung, der Forschung im Bereich Diagnose und Überwachung, d aktuellen Entwicklungen im Bereich Reha-Forschung, aber auch damit, wie Forschungsergebnisse zu verstehen sind.