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Kognitive Veränderungen verstehen

Von Päivi Hämäläinen, Leitender Psychologe, Masku Neurologisches Rehabilitationszentrum, Masku, Finnland

Kognitive Funktionen umfassen unter anderem die folgenden Fähigkeiten:

  • Aufmerksamkeit auf etwas richten, aufrechterhalten und aufteilen
  • Informationen aufnehmen und speichern
  • Die eigenen Aktivitäten planen, ausführen und überprüfen
  • Denken, schlussfolgern und Probleme lösen
  • Sprache verstehen und gebrauchen
  • Gegenstände erkennen, Dinge zusammensetzen und Entfernungen einschätzen

 

Diese Fähigkeiten entwickeln sich sehr individuell. Wir alle haben unsere persönlichen kognitiven Stärken und Schwächen.

Wie typisch ist die Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten bei MS?

Kognitive Defizite sind nicht die typischsten Symptome von MS. Tatsächlich berichten 10 Prozent der Menschen mit MS über schwere Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten, die die Bewältigung des Alltags schwierig machen, während geschätzte 40 – 50 Prozent leichte bis mäßige Störungen erleben. Dies bedeutet, dass etwa die Hälfte der Personen, bei denen MS diagnostiziert wurde, niemals eine Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten erleiden.

Auch leichte Beeinträchtigungen können Veränderungen in der Routine und den Gewohnheiten einer Person erforderlich machen. Zum Beispiel kann die Bewältigung der Arbeit zusätzliche Anstrengung und die Benutzung von Hilfsmitteln oder kompensatorischen Techniken erfordern. Wenn kognitive Defizite nicht richtig erkannt werden, können sie eine Ursache für Stress und Missverständnisse am Arbeitsplatz und zu Hause sein. Daher sollten sie so früh wie möglich erkannt werden, so dass Schritte unternommen werden können, um die Situation zu entspannen.

Welche Art von Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten ist mit MS verbunden?

Die häufigsten Arten von Gedächtnisproblemen sind Schwierigkeiten bei der Erinnerung an jüngste Ereignisse und an geplante oder notwendige Aufgaben. Manche Menschen mit MS berichten, dass es mehr Zeit und Anstrengung erfordert, verlegte Dinge zu finden und sich an neue Informationen zu erinnern.

Manche Menschen finden es schwierig, sich länger zu konzentrieren, oder haben Probleme, die Übersicht darüber zu behalten, was sie tun oder sagen, wenn sie abgelenkt oder unterbrochen werden, zum Beispiel ein Gespräch zu führen, während der Fernseher oder das Radio angeschaltet ist. Außerdem berichten viele Menschen über das Gefühl, nicht mehr so schnell handeln zu können wie vor MS.

Manche Menschen haben Schwierigkeiten, wenn sie etwas planen oder ein Problem lösen sollen. Menschen mit dieser Art von Problemen wissen normalerweise, was getan werden sollte, finden es aber schwierig, den Anfang zu finden oder die erforderlichen Schritte zum Erreichen ihres Ziels auszuführen.

Menschen mit MS haben auch Schwierigkeiten dabei, das richtige Wort zu finden, und sie berichten, dass ihnen ein Wort oder ein Name „auf der Zunge liegt“. Die Person kennt das Wort, aber ist unfähig, es abzurufen.

MS kann zu anderen Arten der kognitiven Probleme führen. Eine bekannte Studie berichtete, dass die Fähigkeiten des räumlichen Sehens bei bis zu 19 % der Menschen mit MS betroffen seien. Doch Schwierigkeiten mit der Sprache sind weniger häufig. Ferner sind schwerer kognitiver Verfall oder Demenz, wie es oft bei der Alzheimerschen Krankheit beobachtet wird, bei MS selten.

AKTUELLES WISSEN ÜBER MS UND KOGNITIVE VERÄNDERUNGEN

Ein Großteil unseres Wissens über kognitive Veränderungen in Verbindung mit MS stammt aus der wissenschaftlichen Forschung. Hier sind einige allgemeine Aussagen, die wir auf der Grundlage der aktuellen Kenntnisse in diesem Bereich machen können:

  • Es gibt nur eine kleine oder keine Verbindung zwischen der Dauer der Krankheit oder der Schwere der körperlichen Symptome und kognitiven Veränderungen.
  • Menschen mit einer progressiven Form der Krankheit haben ein geringfügig größeres Risiko kognitiver Veränderungen, obwohl auch diejenigen mit schubförmiger-remittierender MS Schwierigkeiten haben können.
  • Kognitive Probleme können sich während einer Verschlimmerung verschlechtern und mit dem Abklingen nachlassen, obwohl die Änderungen dieser Symptome weniger stark zu sein scheinen, als es bei körperlichen Symptomen wie Gehen oder Sehvermögen beobachtet wird.
  • Kognitive Veränderungen können wie andere Symptome fortschreiten und tun dies auch, aber die Verschlimmerung scheint in den meisten Fällen langsam voranzugehen.

Quelle: Multiple Sclerosis: A Guide for Families, (etwa: Multiple Sklerose: Ein Leitfaden für Familien), Rosalind Kalb, Ph.D., Demos Vermande, 1998 S.24

 

Sind kognitive Defizite vorhersehbar und schreiten sie voran?

Es ist nicht möglich, aus anderen Symptomen von MS vorherzusehen, ob jemand wahrscheinlich an Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten leiden wird oder nicht. Kognitive Probleme scheinen nicht klar mit den Variablen der Krankheit verbunden zu sein, wie Dauer, Schwere oder Krankheitsverlauf. Kognitive Defizite können sowohl in frühen Stadien der Krankheit auftreten, als auch später, bei körperlich leicht oder schwer betroffenen Patienten. Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten haben keine bekannte Verbindung mit einzelnen körperlichen Symptomen von MS. Doch manchmal können Dysarthrie (schlecht artikulierte Sprache), Ataxie (Probleme mit der Bewegungskoordination) oder Nystagmus (schnelle unwillkürliche Augenbewegungen) fälschlicherweise als Zeichen einer kognitiven Störung interpretiert werden.

Es wurde herausgefunden, dass kognitive Defizite bei Menschen häufiger sind, die Veränderungen im Großhirn haben, als bei Menschen, die nur Veränderungen im Kleinhirn, Stammhirn und Rückenmark haben.

Leider gibt es wenig Informationen über das Fortschreiten von kognitiven Störungen bei MS. Es wurde herausgefunden, dass die kognitive Leistung sogar in kurzen aufeinanderfolgenden Phasen variieren kann. Jüngste Studien zeigen, dass, wenn eine Person kognitive Probleme erlebt, eine Verschlechterung möglich ist, auch wenn die Progressionsrate normalerweise gering ist.

Sind kognitive Probleme dauerhaft?

Gehirnschädigungen können zwar zu dauerhafteren kognitiven Problemen führen, doch eine Reihe von Faktoren kann die Kognition vorübergehend stören oder beeinträchtigen. Diese Faktoren umfassen unter anderem Erschöpfung und Müdigkeit, emotionale Veränderungen, MS- Schübe, körperliche Schwierigkeiten, die zusätzliche Anforderungen und Konzentration (wie unsicheres Gehen), Medikamente und Änderungen der Lebensweise erfordern, wie wenn der Patient die Arbeit aufgeben muss und so weniger mentale Anregung hat.

Das Leben mit einer chronischen, progressiven und unvorhersehbaren Krankheit beeinträchtigt zwangsläufig die Stimmung einer Person. Wenn sich Menschen niedergeschlagen oder elend fühlen, können sie

Gedächtnisschwächen oder Konzentrationsprobleme erleiden. Diese Schwierigkeiten dauern normalerweise nicht lange. Viele Menschen mit MS berichten über kognitive Probleme in Phasen der Müdigkeit und jüngste Studien haben gezeigt, dass die kognitive Leistung verlangsamt oder weniger genau wird, wenn die Person müde ist. Vorübergehende kognitive Schwierigkeiten können auch während Schüben auftreten. Genau wie die körperlichen Symptome können kognitive Probleme auf die aktive Entzündungsphase der Krankheit beschränkt sein. Die kognitive Funktion kann durch verschiedene Faktoren beeinträchtigt werden, es ist also normalerweise nicht angemessen, die Kognition zu beurteilen, wenn die Person eine Depression, einen Schub oder außerordentlichen Stress erlebt .

Kognitive Probleme beurteilen

Auch schwache Beeinträchtigungen der kognitiven Funktionen können Gefühle der Unsicherheit und der Angst auslösen. Man muss wissen, dass diese Symptome, genau wie Blasenprobleme oder Schwierigkeiten beim Gehen, ein Teil der Krankheit sind und dass es Wege gibt, mit diesen zu leben.

Da realistische Informationen einer Person dabei helfen können, mit einer neuen Situation zurecht zu kommen, ist es wichtig, dass jede Person, bei der MS diagnostiziert wurde, Informationen über kognitive Beeinträchtigungen erhält. Kognitive Probleme werden mit einer neuropsychologischen Bewertung beurteilt, die Untersuchungen und ein detailliertes Gespräch umfasst. Das Ziel der neuropsychologischen Bewertung besteht darin, die Schwere und die Merkmale der

kognitiven Beeinträchtigung individuell zu beurteilen. Darüber hinaus können die kognitiven Stärken einer Person erkannt werden und Strategien zur Milderung der Auswirkungen der Beeinträchtigung können vorgeschlagen werden.

Nicht jeder benötigt unbedingt eine neuropsychologische Bewertung. Viele Menschen können selbst die einzelnen Bereiche erkennen, die Probleme verursachen, und Wege ausarbeiten, um mit diesen zurecht zu kommen. Die neuropsychologische Bewertung ist wichtig, wenn die Arbeitsfähigkeit, die Möglichkeit der Umschulung oder die Fahrtüchtigkeit beurteilt wird. Es sollte auch dann eine Bewertung durchgeführt werden, wenn die kognitive Beeinträchtigung ständig die täglichen Aktivitäten und / oder sozialen Interaktionen einer Person stört.

Die Rolle der neuropsychologischen Untersuchung in der Forschung

Die neuropsychologische Bewertung wurde zu Studienzwecken zur Beurteilung der Häufigkeit, der Merkmale und der natürlichen Geschichte der kognitiven Störungen verwendet, als auch zur Bewertung der Verbindung mit anderen Variablen der Krankheit. Studien zur kognitiven Funktion bei MS konnten die Auswirkungen von kognitiven Störungen auf die Arbeit, die Fahrtüchtigkeit, die persönliche Unabhängigkeit etc. zeigen. Viele Studien in jüngster Zeit beurteilten die Wirksamkeit von Medikamenten und verschiedenen Rehabilitationsmethoden bei MS-bedingten kognitiven Defiziten. Diese Art der Studien ermöglichte es, Methoden zur Milderung der kognitiven Probleme zu entwickeln.

 

VIELE FAKTOREN KÖNNEN DIE KOGNITIVEN FUNKTIONEN BEEINTRÄCHTIGEN

  • Emotionale Veränderungen
  • Schübe
  • Körperliche Einschränkungen
  • Erschöpfung / Müdigkeit
  • Medikamente
  • Dauerhafte Gehirnschädigungen
  • Änderungen der Lebensweise, etc.