Sekundär progrediente MS

Helen Tremlett, Medizinische Fakultät (Neurologie) am Brain Research Centre der Universität von British Columbia in Vancouver, Kanada

Bei etwa 85% aller Menschen mit MS beginnt die Erkrankung mit einem schubförmig remittierendem Verlauf. Nach einigen Jahren bemerkt ein Teil der Menschen mit RRMS, dass die Erkrankung sich kontinuierlich verschlechtert, obwohl keine Schübe (oder nur sehr wenige Schübe) auftreten. Diese Phase wird dann als sekundär progredient oder SPMS bezeichnet.

SPMS scheint einen Wendepunkt zu kennzeichnen. Die Erkrankung wird weniger “entzündlich” mit weniger akuten Rückfällen oder Schüben. Stattdessen kommt es unter Umständen zu einer graduellen und irreversiblen Progression der Erkrankung.

Es gibt bisher noch keine verlässlichen Labor-Marker oder spezifischen Tests, um RRMS von SPMS zu unterscheiden. Deshalb wird die “Umstellung” auf SPMS von einem Neurologen basierend auf der Krankengeschichte festgestellt. Es heißt, dass etwa 10% aller Menschen mit RRMS nach etwa fünf Jahren die SP-Phase erreichen. Nach zehn Jahren sind es dann 25%, nach 30 Jahren 75%.

Prognose

Im Durchschnitt dauert die RR-Phase etwa zwei Jahrzehnte, bevor sie in SPMS übergeht. Wie oben erwähnt erreichen einige Menschen diese progrediente Phase jedoch sehr
viel schneller, andere wiederum gar nicht. Untersuchungen haben ergeben, dass es bei Menschen, die beim Ausbruch der Erkrankung jünger sind, auch länger zu dauern scheint, bis sie das SP-Stadium erreichen. Dennoch scheinen diese Menschen schon in jüngeren Jahren an SPMS zu leiden als

Menschen, die beim Ausbruch der MS älter sind. Männer erreichen die SP-Phase etwa fünf Jahre früher als Frauen (vom Ausbruch der MS an gemessen); was das Alter angeht erreichen Männer die SP-Phase im Durchschnitt im Alter von 47 Jahren, Frauen im Alter von 50 Jahren. Sobald die sekundäre Progression erreicht ist, kann man sehr viel weniger allgemeine Aussagen über die Prognose stellen. Wir wissen heute, dass bei Menschen, die erst später die SP- Phase erreichen, in der Regel diese Phase auch langsamer voranschreitet.

Behandlung

Krankheitsverzögernde Medikamente
Wir wissen heute noch nicht, ob irgendein Arzneimittel tatsächlich den Ausbruch der sekundär progredienten MS verzögern kann. Das liegt vor allem daran, dass die meisten klinischen Studien über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren abgehalten werden, während die sekundäre Progression sich unter Umständen erst nach Jahrzehnten entwickelt. Sobald die sekundäre Progression erreicht ist, scheint sich die Wirksamkeit der Medikamente zu ändern.

Die meisten der aktuell zugelassenen Medikamente für die MS-Behandlung, die so genannten krankheitsverzögernden Medikamente (DMT), wie Beta-Interferon oder Glatirameracetat, sind bei SPMS nicht sehr wirksam. Falls eine Person noch an Schüben leidet, dann können diese Medikamente helfen, das Risiko eines neuerlichen Schubs reduzieren. Sie scheinen jedoch keinen Langzeiteffekt auf die Progression der Erkrankung zu haben, obwohl dieser Punkt derzeit noch strittig bleibt. Der mögliche Vorteil bei
der Reduzierung der Anzahl und Intensität der Schübe muss mit der Tatsache aufgewogen werden, dass bei den Betroffenen während der SP-Phase ohnehin immer weniger Schübe auftreten. Das Risiko der Behandlung (also evtl. Nebenwirkungen) kann dann unter Umständen schwerer wiegen als die zu erwartende Vorteile.

Andere Medikamente, wie z. B. Mitoxantron (ein Medikament, das auch in der Krebsbehandlung eingesetzt wird), können bei einigen Menschen mit aggressiver SPMS durchaus wirksam sein. Aber auch hier müssen ernsthafte Nebenwirkungen, wie z.B. Auswirkungen auf die Herzfunktion und Leukämie, berücksichtigt werden.

Neuere Medikamente, wie z. B. Natalizumab, wurden bisher noch nicht für die Behandlung der SPMS zugelassen und wir wissen noch nicht, ob sie bei SPMS wirksam sind oder nicht. Derzeit wird eine Reihe von Medikamenten in klinischen Studien untersucht, die eine krankheitsverzögernde Wirkung bei SPMS haben sollen. Dazu gehört auch ein orales Cannabis-Extrakt (Dronabinol, in Großbritannien); Cyclophosphamid (Frankreich) und Lamotrigin (Großbritannien). Weitere Informationen und aktuelle Daten finden Sie unter der URL http://www.nationalmssociety.org/ research/clinical-trials/index.aspx

Symptomatische Behandlung

Es gibt eine Anzahl von wirksamen Medikamenten, um Symptome der MS wie Spastik, Blasenprobleme oder Schmerzen zu behandeln. Diese Medikamente können durchaus sowohl bei SPMS, als auch bei RRMS wirksam sein. Sie beeinflussen nicht den weiteren Verlauf der Erkrankung, können aber die lästigen Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern.

Kurzfristige Gaben von oral oder intravenös verabreichten Kortikosteroiden stehen ebenfalls zur Verfügung, um die Erholung nach einem Schub zu beschleunigen. Sie haben aber keine langfristigen Auswirkungen und beeinflussen auch nicht den Krankheitsverlauf an sich.

Bei SPMS haben sich einige nicht-pharmakologische Ansätze bewährt, darunter auch der einfache Ansatz, gesund zu leben, sich gesund zu ernähren und regelmäßig Sport zu treiben. Weitere Informationen über alternative Behandlungsmethoden finden Sie unter: www.© msif.org/ en/about_ms/alternative.html]