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Umgang mit Veränderungen

Richard T Roessler, PhD, Professor an der Universität RHRC Abteilung, College of Education and Health Professions, University of Arkansas, Arkansas, USA und Steven W Nissen, MS, CRC, leitender Direktor der Programme für Personalwesen und Gemeinwesen, National Capital Chapter, Nationale MS Gesellschaft Washington, DC, USA

Wenn es um Multiple Sklerose geht, dann gibt es zwei Dinge, die eine Person nicht hören möchte: Die Diagnose selbst und dass es Zeit wird, die Arbeit aufzugeben. Natürlich kann niemand die Diagnose ändern, aber es ist durchaus möglich, den anderen Punkt zu entkräften. Vielleicht muss der Arbeitsplatz gar nicht aufgegeben werden, sondern vielleicht ist es einfach nur an der Zeit, über Anpassungen oder Veränderungen am Arbeitsplatz nachzudenken.

In den Ländern, in denen Angestellte mit Behinderungen vom Gesetz geschützt werden, können Reha-Fachleute die Arbeiter dazu motivieren, darüber nachzudenken, welche Hilfsmittel sie in Anspruch nehmen können, welche Arbeitsbereiche sie anpassen müssen oder an welchem Arbeitsplatz sie evtl. produktiver arbeiten könnten. In den USA sieht das im Prinzip so aus: Eine Person mit einer Behinderung darf bei der Arbeitssuche oder auf dem Arbeitsplatz nicht diskriminiert werden, wenn er oder sie die essenziellen Funktionen der Position mit oder ohne angemessene Hilfsmittel/Anpassungen ausführen kann.

Wir wissen inzwischen schon sehr viel über angemessene Anpassungen am Arbeitsplatz.

  • Sie kosten sehr wenig; die meisten davon kosten gar nichts, und viele kosten nicht mehr als US$600/€475. Beispiele für kostenlose Anpassungen: Ein Parkplatz in der Nähe des Arbeitsplatzes, flexible Arbeitszeiten, die Option, von Zuhause aus zu arbeiten, Job-Sharing, Arbeitsplätze  in der Nähe der Toiletten oder eines Ruhebereiches, aber auch die Ermutigung dazu, regelmäßige Pausen einzulegen.
  • Es existieren bereits eine Reihe von Anpassungsmöglichkeiten, wie z. B. die Installation eines automatischen Türöffners, damit ein höher gelegener Arbeitsbereich auch von Rollstühlen oder Elektroscootern angefahren werden kann.
  • Obwohl die Entscheidung darüber, ob eine entsprechende Anpassung vorgenommen wird, normalerweise vom Arbeitgeber vorgenommen wird,  empfehlen wir den Arbeitnehmern, sich über das Angebot an möglichen Alternativen zu informieren.
  • Die Kosten für die erbetenen Anpassungen sollten den verfügbaren Ressourcen des Arbeitgebers entsprechen.
  • Die Anpassungsmaßnahmen dürfen das eigentliche Geschäft des Unternehmens nicht beeinträchtigen. So ist es wahrscheinlich nicht möglich, dass ein Mitarbeiter eines Restaurants eine hellere Beleuchtung fordert, um seine auf MS zurückzuführende Sehbehinderung zu kompensieren.
  • Die Anpassungsmaßnahmen dürfen nicht dazu führen, dass andere Mitarbeiter gefährdet  werden. So ist es zum Beispiel nicht sinnvoll, einen
    Maschinenbetreiber mit MS weiter an diesem Arbeitsplatz zu beschäftigen, wenn er durch seine Koordinationsprobleme unter Umständen Kollegen in Gefahr bringt.

Selbst mit umfassenden Anpassungsmöglichkeiten kann es vorkommen, dass der Mitarbeiter mit MS seinen oder ihren Job wegen neuer oder schwerwiegenderer und/oder häufiger auftretender Symptomen nicht zufriedenstellend ausführen kann. Die Entscheidung, einen bereits bestehenden Arbeitsplatz zu verlassen, sollte auf einer akkuraten Einschätzung der eigenen Situation und dem Einfluss der MS-Erkrankung getroffen werden. Das erfordert oft die Rückmeldung der Familie, von Freunden und/ oder den behandelnden Ärzten und Therapeuten. Die Alternative muss nicht unbedingt Arbeitslosigkeit heißen, sondern vielleicht eine andere Arbeit. Eine andere Arbeit bedeutet eine Veränderung der Karriereabsichten und eine solche Veränderung wird am besten in der zeitlosen beruflichen Beratungsgleichung von „Interessen + Fähigkeiten = mögliche Berufswahl” erklärt. Anders gesagt: Die beruflichen Absichten oder was die Person gerne machen möchte, muss mit den Aktivitäten der jeweiligen Position vereinbar sein und die Fähigkeiten der Person – ob sie nun MS hat oder nicht – muss mit den Aufgaben der entsprechenden Position vereinbar sein.

Berufliche Interessen werden häufig in Bezug auf persönliche Vorlieben bewertet. Arbeitet die entsprechende Person lieber alleine oder im Team mit anderen? Wie wichtig sind ihr Sicherheit, Kreativität, Erfolg und Kompensation? Berufliche Interessen werden aber auch in Bezug auf die Vorlieben für bestimmte Arbeitsaktivitäten definiert. Arbeitet die Person lieber mit Daten, Menschen oder Dingen? Wenn wir über eine Veränderung im Arbeitsleben nachdenken, dann müssen Menschen mit MS überlegen, inwieweit eine Reihe von Karriereoptionen ihren beruflichen Interessen entgegen kommt. Sie müssen außerdem entscheiden, inwieweit diese „beruflichen Hypothesen” mit ihren aktuellen Fähigkeiten in Übereinstimmung gebracht werden können.

Die aktuellen Fähigkeiten können, müssen aber nicht von der MS beeinträchtigt werden. Das Ziel ist dabei natürlich, berufliche Möglichkeiten für die Person zu identifizieren, bei der sie die nicht beeinträchtigten Fähigkeiten (z. B. Datenanalyse, Kundenservice, räumliche und mechanische Fähigkeiten) einsetzen kann. Aber die Person muss auch den Einfluss der MS auf funktionale Fähigkeiten mit einbeziehen. Welche Fähigkeiten bleiben oder könnten noch weiterentwickelt werden, um mit der Beeinträchtigung durch MS kompatibel zu sein? Und auch hier liegt das Geheimnis für einen erfolgreichen Karrierewechsel in der Übereinstimmung zwischen den Aufgabenfeldern und den stabilen und veränderbaren Fähigkeiten. Aber diese Übereinstimmung ist in keinem Fall als statisch zu betrachten. Im Laufe der Zeit kann die Qualität dieser Übereinstimmung gesteigert werden, indem entsprechende Anpassungen am Arbeitsplatz vorgenommen werden, z. B. der körperliche Zugang zum Arbeitsplatz oder Veränderungen in der Art und Weise, wie die entsprechende Arbeit ausgeführt wird.

Zusammengefasst darf man behaupten, dass die Diagnose „Sie haben MS” nicht gleichbedeutend ist mit der Empfehlung „und Sie sollten aufhören zu arbeiten”. Realistischer ist sicher eine Einstellung, bei der einem klar ist, dass man abgesehen davon, sich mit der MS auseinandersetzen zu müssen, auch nach kreativen Lösungen suchen muss, um auch als Mensch mit MS weiterhin berufstätig sein zu können. Zunächst werden diese Lösungen unter Umständen nur mehr Aufsicht und schnelle Reaktion bedeuten, wenn die MS-Symptome die Ausführung der anstehenden Aufgaben negativ beeinträchtigen. In anderen Situationen kann es sein, dass eine MS-Diagnose notwendige und angemessene Anpassungen bedeutet hinsichtlich der Art und Weise der Arbeitsdurchführung oder der Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes.

Und schließlich kann es sein, dass MS im Leben eines Menschen eine extremere Veränderung wie z. B. einen neuen Beruf erfordern kann. Eine Karriereveränderung bedeutet, eine Arbeit zu finden, die jemand gerne ausführt (Interessen) und ausführen kann (Fähigkeiten und Möglichkeiten). Denn wenn jemand die Diagnose MS erhält, dann möchte er oder sie auf keinen Fall hören „Sie sollten Ihre Arbeit aufgeben”.

Karen ist ein schönes Beispiel für jemanden, der sich für den beruflichen Wechsel entschieden hat. Nach ihrem Abschluss hat Karen über 15 Jahre als Trainerin in einem klinischen Umfeld gearbeitet und gleichzeitig die Verletzungen von Highschool-Athleten behandelt. Nach der Diagnose „progressive MS“ wurde Karens Bewegungsfähigkeit mehr und mehr eingeschränkt. Sie konnte nicht mehr schnell auf das Feld rennen und verwendete fortan einen Elektroscooter oder eine Krücke. Ihr wurde bewusst, dass sie nicht mehr als Trainerin tätig sein könnte, da die Sicherheit ihrer Schüler und ihre eigene nicht mehr gewährleistet wären.

Karen verbrachte eine ganze Zeit lang damit, sich über andere Berufe zu informieren und eine realistische Selbsteinschätzung in Bezug auf ihre Interessen und Fähigkeiten durchzuführen. Sie erhielt die Gelegenheit, sich als Verwaltungsassistentin und Büromanager bei einem Orthopäden zu bewerben. Zu ihrem Aufgabenfeld zählen die Terminabsprachen, die Verhandlungen mit den Versicherungen, die Eingabe der Patientendaten in die Datenbank und die Verwaltung des Terminkalenders des Arztes. Alles sitzende Tätigkeiten. Ihr Arbeitgeber erlaubt ihr, zwei Tage die Woche von Zuhause aus zu arbeiten, um mit der Erschöpfung besser klarzukommen und den langen Arbeitsweg zu kompensieren. Sie kann in ihrer Tätigkeit ihre umfassende Erfahrung und ihr Wissen um orthopädische, medizinische Terminologie einsetzen, und sie ist mit Sportverletzungen vertraut. Gleichzeitig hält sie jetzt eine Position inne, die körperlich nicht mehr so anspruchsvoll ist wie die vorhergehende. Karen gibt offen zu, dass sie, so lange es geht, arbeiten möchte und muss.